Montag, 27. April 2015

Das mit dem Wasser

Kapitel 1

Es gibt Dinge die passieren. Die sind nicht besonders glaubwürdig und gehören für viele Leute nicht hier her. Diese Leute wollen diese Geschichten anfechten und stellen sie als Unwahrheit in den Raum. Das sollte man den Leuten nicht zum Vorwurf machen, zumal es auch die Geschichte nicht sonderlich interessiert ob sie nun geglaubt wird oder nicht. Nur erzählen sollte man sie ab und zu, das wäre schon nicht verkehrt.

Der Name ist nicht wichtig. Für gewöhnlich sind Namen natürlich wichtig. Sie dienen zur Identifikation und helfen dem benennen der Menschen, den Anderen und der Dinge um uns herum. Ohne Namen wäre das ganze Drumherum um einiges schwerer zu bewältigen, auch wenn das nur eine Theorie ist die ich hier unbeantwortet stehen lassen möchte. Es geht hier ausschließlich um seinen Namen. Der ist es, der hier keine Nennung findet, weil es keiner Nennung bedarf. Es soll hier um das Erlebte gehen und nicht um die Person vor dem Erlebten. Es soll sich kein Gesicht, keine Gestalt und keine Form zwischen Sie und das Erzählte schieben, es muss genügen was passiert und nicht wem es passiert. Ein Name würde uns unweigerlich eine Vorstellung vor die Augen pflanzen und das können wir hier nicht gebrauchen.

Trotzdem versuche ich Ihnen kurz eine Kontur dieses Menschen zu vermitteln. Das muss einfach sein, sonst würde zum Schluss ein Schatten diese Geschichte erlebt haben und das geht nicht. Er ist ein Mann, der schon ein paar Jahre keine dreißig mehr war. Seine Erscheinung entsprach einem Standard den keine Festgelegt hatte, den man auf der Straße beobachten konnte, wenn man nicht genau hinschaute. Bei genauerem hinsehen findet man natürlich Unterschiede und Besonderheiten, die es jedem ermöglichen ein eigenes Wesen zu sein. Hielt man sich davon ab, seinem Blick eine gewisse Genauigkeit beizubringen gab sich die Natur nicht sonderlich viel Mühe eine große Vielfalt in unseren Alltag zu bringen.Er kleidete sich nicht besonders modisch achtete aber darauf eine gewisse Ordnung einzuhalten. Er trug keine Anzüge hielt sich aber auch von billiger Discountkleidung fern. Dabei hatte er, fast unbemerkt von sich, eine Vorliebe für graue Kleidung. Nur kombinierte er diese nicht miteinander, weil er sich damit seltsam vorkam. Was man noch erwähnen könnte, waren seine Schuhe. Davon besaß er überdurchschnittlich viele. Gut zwanzig Paar verteilten sich in seinen Schränken.

Was sein Äußeres zeigte machte sein Inneres bedenkenlos mit. Er mochte Science Fiction, verkleidete sich aber nicht als sein Lieblingscharakter oder hatte eine übergroße Sammlung an Spielzeugen. Er mochte gute Filme und Bücher. Es nervte ihn, wenn eine Geschichte nur dadurch zu einem Höhepunkt kommt, wenn sich einer dumm verhält. Als Beispiel viel ihm immer eine Person ein, die genau das macht was sie nicht machen soll und damit dem Gegner zuspielt und alles kompliziert wird. Er mochte es nicht wenn er den Stoff von seinem Hemd auf dem Unterarm spürte, deswegen krempelte die Ärmel immer hoch. Kurzärmlige Hemden hielt er für Kinderkleidung und nicht zum Tragen von Erwachsenen geeignet. Ab und zu ging er laufen, hielt es aber für ausgeschlossen mal an einem Marathon teilzunehmen. Ab und zu hatte er Kopfschmerzen, keine Migräne. Von Politik hielt er nicht viel, ging trotzdem wählen. Wenn er auf eine Party ging, stand er nicht im Mittelpunkt, war aber auch keiner, der alleine in der Ecke saß und zeitig ging. Wenn man ihn auf einer solchen Party gefragt hätte, wie er sich als Mensch sieht, hätte er wohl mit den Schultern gezuckt. Aber nicht, weil er keine Antwort gehabt hätte.

Was sein Intimleben angeht gibt es keine hier näheren Informationen. Das ist eine private Angelegenheit und soll hier auch keine weitere Bedeutung erfahren.

Wobei eines doch zur Kenntnis genommen werden sollte. Er hatte einen Umgang mit anderen Menschen, den man wohl als sparsam bezeichnen würde, wenn man es nicht besser wüsste. Unsere Sicht die ein Blick sowohl von außen als auch in das Innere erlaubt, zeigt uns eher eine Vorsicht die sich und den Abstand zu anderen erklärt.
Nach seiner Erfahrung herrschte zwischen den Menschen ein ständiges rechnen des Gebens und Nehmens. Da wurden von den kleinen Höflichkeiten die immer wieder getauscht wurden, bis zu den großen Gefühlen die man investierte, alles mit Wert und Gegenwert gewogen, gemessen und im Ernstfall zurückerstattet. Das war eine klare Angelegenheit und so konnte es sich ganz gut zwischeneinander leben lassen. So ist es wie es kommen musste und das Konto, dass er sich angelegt hatte, wies doch einige Zahlen auf die nicht zu seinen Gunsten standen. Es könnten hier natürlich Beispiele genannt werden, die jedoch eher zu Verwirrungen führen und nur ein zu kleinliches Bild zeichnen, dass nicht von Tatsächlichem getragen würde.
Diese Missstände die da also waren, ließen ihn zu den umständlichsten Gelegenheiten in eine Laune geraten, die immer mehr zum Unvorteil für ihn geriet und er des öfteren in Erklärungsnöte wegen seiner Gereiztheit kam. Da man schlecht Vorhaltungen über die Emotionalen Schulden des Gegenüber machen kann, blieb ihm nur der Rückzug ins Eigene. Es mag Mitleid fordern, doch fühlte er sich wohler mit dem Abstand zu den Menschen um ihn herum als sich mit ihren Schulden herumzuärgern. Verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch. Ich werbe hier nicht um Verständnis für seine Situation, das braucht er nicht und ist auch sonst nicht von Nöten. Es soll lediglich Ihrer Information dienen und eventuellen Fragen vorbeugen.

Wenn wir die Geschichte beginnen wollen, dann wäre der 24. Dezember wohl am besten geeignet. Es war fast Weihnachten, also Vormittags und die Leute waren unbeeindruckt von der Stimmung die sich ein paar Stunden später über die Gegend legen wird.
Er hatte seinen ersten Tag vom Urlaub der über die nächsten zwei Wochen gehen wird und war noch unterwegs um letzte Besorgungen für die nächsten ereignislosen Tage zu machen. Obst, Getränke, Kekse und ein paar Magazine sollten dafür sorgen, dass die Feiertage sich nicht zu sehr in die Länge zogen. Er wollte sich entspannen, auf keinen Fall langweilen. Er bereute schon, den Besuch bei seiner Mutter, abgesagt zu haben. Das gehörte eigentlich zu Weihnachten, nur überkam ihn heute Morgen einfach ein Gefühl, dass ihn nicht weiter weg lassen wollte als bis zum Supermarkt. Dem hatte er sich spontan ergeben und jetzt stand er mit einem schlechten Gefühl an der Kasse und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Die Kekse die neben ihm auf dem Band lagen, machten einen vorwurfsvollen Eindruck. So schnell würde er die nicht essen können.
Auf dem Heimweg, versprach er sich, noch während seines Urlaubs seine Mutter zu besuchen. Sein Gang wurde ein wenig leichter und er hatte das Gefühl, mit der Ruhe die vor ihm liegt, etwas anfangen zu können.

Als er eingezogen war, hatte die Größe seiner Wohnung noch Einsamkeit hervorgerufen und er musste sich erst daran gewöhnen, mehrere Türen zwischen den Räumen zu haben. Die Wohnung, die er vorher bewohnte, hatte ein Wohnzimmer als Zentralen Raum und daran waren die Küche und das Bad angeschlossen. Jetzt musste er durch einen Flur, der alle Zimmer miteinander verbindet und der hatte schon die Größe seiner vorherigen Küche. Das und die enorme Deckenhöhe machten ab und zu den Eindruck, als wäre er hier verloren oder zumindest zu wenige. Mit der Zeit kamen Möbel und Anschaffungen die mehr und mehr Platz brauchten. Dadurch verringerte sich der Lebensraum auf eine angenehme Größe und von Zeit zu Zeit, war es sogar nötig, neuen Platz zu schaffen. Dabei ging es nicht darum, sich von Dingen zu trennen, es war viel mehr ein Umherräumen verschiedener Themen, wodurch es zu einer Komprimierung und Platzgewinn kam. Damit konnte er sich beschäftigen ohne zu merken wie die Zeit verging. Man konnte meinen, er hatte dabei Spaß, nur würde er nie zugeben sich beim Aufräumen zu amüsieren.
Als er zu hause angekommen, sein Einkäufe verstaut hatte, stellte er fest, dass es ohne die Türen im Küchenschrank unter der Spüle viel einfacher an den Mülleimer unter Spüle kommt. Das war vor zwei Stunden und nun stand er vor seinem Bücherregal und überlegte, welche Bücher er seinem Keller anvertrauen konnte. Er hatte sich in den Kopf gesetzt ein ganzes Fach frei zu räumen um Platz zu schaffen. Im war noch nicht klar, wofür der Platz bestimmt war, hatte aber das Gefühl, es wäre schon richtig so.

Zum Mittag machte er sich eine kleine Mahlzeit und schaute sich eine Dokumentation über Weihnachtsmänner in der ganzen Welt an. Als Dokumentation taugte für ihn eher nichts, es reichte trotzdem als Ablenkung. Danach schaute er eine Sendung über einen Jungen der in einem tibetischen Bergdorf lebte und für eine Weile zu seiner Schwester in die Stadt gehen sollte. Danach lief noch eine Dokumentation über Tiere in der Wüste, während der er sich fragte, wie viele Dokumentationen über Tiere in der Wüste man denn braucht und seit wann er Dokumentationen über Tiere in der Wüste schaute. Ihm viel ein, dass er einfach nichts besseres zu tun hatte und schaltete den Fernseher aus. Sein Urlaub sollte nicht mit der Bestätigung der eigenen Nutzlosigkeit beginnen und er machte sich einen Kaffee. Den er in der Küche trank, eine Fußballzeitung las und zwei Zigaretten rauchte. Dabei schaute er aus dem Fenster in den Hof und kam sich kultiviert vor. Wie in einem Film in dem viel geraucht wird, alle ständig Sex haben und auch mit unpassender Kleidung gut aussehen. Er dachte darüber nach wie es wäre einen ganzen Tag alles nur in schwarz weiß sehen zu können. Wie würde man so einen Tag verbringen? Einfach durch die Gegend laufen und so viel wie möglich sehen wollen? Wie die Sonne auf und untergeht. Wie die Ampeln aussehen, die Menschen und der Wald. Blumen genauer betrachten und eine Ausstellung besuchen. In einen Supermarkt gehen weil es einer der buntesten Orte überhaupt ist und Torte essen, einfach um zu sehen wie sie schmeckt wenn man nicht sieht wie sie schmecken soll.
Nach gut 45 Minuten hatte er genug von dem Blick aus dem Fenster und wollte zurück ins Wohnzimmer gehen und im Internet nach Zerstreuung suchen. Ihm viel das Kondenswasser auf, das sich auf seinem Stuhl gebildet hatte. Den Stuhl hatte er günstig in einem Einrichtungsmarkt bekommen. Er war schwarz, mit einer Sitzfläche aus Plastik und eigentlich dafür gemacht um an eine Bar zu sitzen oder einem hören Tisch. Doch auch hier passte er ganz gut hin und machte die Küche ein wenig gemütlicher, da die eher als Nutzraum eingerichtet war.
Das sich auf dem Stuhl Wasser sammelt wenn man zu lange darauf saß, war ihm bis jetzt noch nicht aufgefallen. Er wunderte sich, nichts davon gemerkt zu haben und füllte mit dem Finger den feuchten Fleck. Das wir im Prinzip ständig von Wasser umgeben sind, sei es auch nur sehr wenig, faszinierte ihn immer wieder. Und noch mehr faszinierte ihn, dass es Umstände gab, in denen sich dieses Phänomen ganz klar zeigte. So wie eben dieser nasse Fleck auf dem Stuhl,auf dem er gerade noch saß. Seine Hose schien davon nicht betroffen zu sein, die fühlte sich trocken an. Damit war der kurze Exkurs in die Welt der Luftfeuchtigkeit auch schon vorbei und er setzte seinen Weg in sein Wohnzimmer fort. Er könnte ja auch mal schauen was das Internet dazu sagte, kam es ihm in den Sinn, wurde aber auch gleich wieder von der Nachricht über einen neuen Film verdrängt auf den er sich schon länger freute.