Kapitel 1
Es gibt Dinge die passieren. Die sind
nicht besonders glaubwürdig und gehören für viele Leute nicht
hier her. Diese Leute wollen diese Geschichten anfechten und stellen sie
als Unwahrheit in den Raum. Das sollte man den Leuten nicht zum Vorwurf
machen, zumal es auch die Geschichte nicht sonderlich interessiert ob
sie nun geglaubt wird oder nicht. Nur erzählen sollte man sie ab und
zu, das wäre schon nicht verkehrt.
Der Name ist nicht wichtig. Für
gewöhnlich sind Namen natürlich wichtig. Sie dienen zur
Identifikation und helfen dem benennen der Menschen, den Anderen und
der Dinge um uns herum. Ohne Namen wäre das ganze Drumherum um
einiges schwerer zu bewältigen, auch wenn das nur eine Theorie ist
die ich hier unbeantwortet stehen lassen möchte. Es geht hier
ausschließlich um seinen Namen. Der ist es, der hier keine Nennung
findet, weil es keiner Nennung bedarf. Es soll hier um das Erlebte
gehen und nicht um die Person vor dem Erlebten. Es soll sich kein
Gesicht, keine Gestalt und keine Form zwischen Sie und das Erzählte
schieben, es muss genügen was passiert und nicht wem es passiert.
Ein Name würde uns unweigerlich eine Vorstellung vor die Augen
pflanzen und das können wir hier nicht gebrauchen.
Trotzdem versuche ich Ihnen kurz eine
Kontur dieses Menschen zu vermitteln. Das muss einfach sein, sonst
würde zum Schluss ein Schatten diese Geschichte erlebt haben und das
geht nicht. Er ist ein Mann, der schon ein paar Jahre keine dreißig
mehr war. Seine Erscheinung entsprach einem Standard den keine
Festgelegt hatte, den man auf der Straße beobachten konnte, wenn man
nicht genau hinschaute. Bei genauerem hinsehen findet man natürlich
Unterschiede und Besonderheiten, die es jedem ermöglichen ein
eigenes Wesen zu sein. Hielt man sich davon ab, seinem Blick eine
gewisse Genauigkeit beizubringen gab sich die Natur nicht sonderlich
viel Mühe eine große Vielfalt in unseren Alltag zu bringen.Er
kleidete sich nicht besonders modisch achtete aber darauf eine
gewisse Ordnung einzuhalten. Er trug keine Anzüge hielt sich aber
auch von billiger Discountkleidung fern. Dabei hatte er, fast
unbemerkt von sich, eine Vorliebe für graue Kleidung. Nur
kombinierte er diese nicht miteinander, weil er sich damit seltsam
vorkam. Was man noch erwähnen könnte, waren seine Schuhe. Davon
besaß er überdurchschnittlich viele. Gut zwanzig Paar verteilten
sich in seinen Schränken.
Was sein Äußeres zeigte machte sein
Inneres bedenkenlos mit. Er mochte Science Fiction, verkleidete sich
aber nicht als sein Lieblingscharakter oder hatte eine übergroße
Sammlung an Spielzeugen. Er mochte gute Filme und Bücher. Es nervte
ihn, wenn eine Geschichte nur dadurch zu einem Höhepunkt kommt, wenn
sich einer dumm verhält. Als Beispiel viel ihm immer eine Person
ein, die genau das macht was sie nicht machen soll und damit dem
Gegner zuspielt und alles kompliziert wird. Er mochte es nicht wenn
er den Stoff von seinem Hemd auf dem Unterarm spürte, deswegen
krempelte die Ärmel immer hoch. Kurzärmlige Hemden hielt er für
Kinderkleidung und nicht zum Tragen von Erwachsenen geeignet. Ab und
zu ging er laufen, hielt es aber für ausgeschlossen mal an einem
Marathon teilzunehmen. Ab und zu hatte er Kopfschmerzen, keine
Migräne. Von Politik hielt er nicht viel, ging trotzdem wählen.
Wenn er auf eine Party ging, stand er nicht im Mittelpunkt, war aber
auch keiner, der alleine in der Ecke saß und zeitig ging. Wenn man
ihn auf einer solchen Party gefragt hätte, wie er sich als Mensch
sieht, hätte er wohl mit den Schultern gezuckt. Aber nicht, weil er
keine Antwort gehabt hätte.
Was sein Intimleben angeht gibt es
keine hier näheren Informationen. Das ist eine private Angelegenheit
und soll hier auch keine weitere Bedeutung erfahren.
Wobei eines doch zur Kenntnis genommen
werden sollte. Er hatte einen Umgang mit anderen Menschen, den man
wohl als sparsam bezeichnen würde, wenn man es nicht besser wüsste.
Unsere Sicht die ein Blick sowohl von außen als auch in das Innere
erlaubt, zeigt uns eher eine Vorsicht die sich und den Abstand zu
anderen erklärt.
Nach seiner Erfahrung herrschte
zwischen den Menschen ein ständiges rechnen des Gebens und Nehmens.
Da wurden von den kleinen Höflichkeiten die immer wieder getauscht
wurden, bis zu den großen Gefühlen die man investierte, alles mit
Wert und Gegenwert gewogen, gemessen und im Ernstfall
zurückerstattet. Das war eine klare Angelegenheit und so konnte es
sich ganz gut zwischeneinander leben lassen. So ist es wie es kommen
musste und das Konto, dass er sich angelegt hatte, wies doch einige
Zahlen auf die nicht zu seinen Gunsten standen. Es könnten hier
natürlich Beispiele genannt werden, die jedoch eher zu Verwirrungen
führen und nur ein zu kleinliches Bild zeichnen, dass nicht von
Tatsächlichem getragen würde.
Diese Missstände die da also waren,
ließen ihn zu den umständlichsten Gelegenheiten in eine Laune
geraten, die immer mehr zum Unvorteil für ihn geriet und er des
öfteren in Erklärungsnöte wegen seiner Gereiztheit kam. Da man
schlecht Vorhaltungen über die Emotionalen Schulden des Gegenüber
machen kann, blieb ihm nur der Rückzug ins Eigene. Es mag Mitleid
fordern, doch fühlte er sich wohler mit dem Abstand zu den Menschen
um ihn herum als sich mit ihren Schulden herumzuärgern. Verstehen
Sie mich jetzt bitte nicht falsch. Ich werbe hier nicht um
Verständnis für seine Situation, das braucht er nicht und ist auch
sonst nicht von Nöten. Es soll lediglich Ihrer Information dienen
und eventuellen Fragen vorbeugen.
Wenn wir die Geschichte beginnen
wollen, dann wäre der 24. Dezember wohl am besten geeignet. Es war
fast Weihnachten, also Vormittags und die Leute waren unbeeindruckt
von der Stimmung die sich ein paar Stunden später über die Gegend
legen wird.
Er hatte seinen ersten Tag vom Urlaub
der über die nächsten zwei Wochen gehen wird und war noch unterwegs
um letzte Besorgungen für die nächsten ereignislosen Tage zu
machen. Obst, Getränke, Kekse und ein paar Magazine sollten dafür
sorgen, dass die Feiertage sich nicht zu sehr in die Länge zogen. Er
wollte sich entspannen, auf keinen Fall langweilen. Er bereute schon,
den Besuch bei seiner Mutter, abgesagt zu haben. Das gehörte
eigentlich zu Weihnachten, nur überkam ihn heute Morgen einfach ein
Gefühl, dass ihn nicht weiter weg lassen wollte als bis zum
Supermarkt. Dem hatte er sich spontan ergeben und jetzt stand er mit
einem schlechten Gefühl an der Kasse und versuchte sich nichts
anmerken zu lassen. Die Kekse die neben ihm auf dem Band lagen,
machten einen vorwurfsvollen Eindruck. So schnell würde er die nicht
essen können.
Auf dem Heimweg, versprach er sich,
noch während seines Urlaubs seine Mutter zu besuchen. Sein Gang
wurde ein wenig leichter und er hatte das Gefühl, mit der Ruhe die
vor ihm liegt, etwas anfangen zu können.
Als er eingezogen war, hatte die Größe
seiner Wohnung noch Einsamkeit hervorgerufen und er musste sich erst
daran gewöhnen, mehrere Türen zwischen den Räumen zu haben. Die
Wohnung, die er vorher bewohnte, hatte ein Wohnzimmer als Zentralen
Raum und daran waren die Küche und das Bad angeschlossen. Jetzt
musste er durch einen Flur, der alle Zimmer miteinander verbindet und
der hatte schon die Größe seiner vorherigen Küche. Das und die
enorme Deckenhöhe machten ab und zu den Eindruck, als wäre er hier
verloren oder zumindest zu wenige. Mit der Zeit kamen Möbel und
Anschaffungen die mehr und mehr Platz brauchten. Dadurch verringerte
sich der Lebensraum auf eine angenehme Größe und von Zeit zu Zeit,
war es sogar nötig, neuen Platz zu schaffen. Dabei ging es nicht
darum, sich von Dingen zu trennen, es war viel mehr ein Umherräumen
verschiedener Themen, wodurch es zu einer Komprimierung und
Platzgewinn kam. Damit konnte er sich beschäftigen ohne zu merken
wie die Zeit verging. Man konnte meinen, er hatte dabei Spaß, nur
würde er nie zugeben sich beim Aufräumen zu amüsieren.
Als er zu hause angekommen, sein
Einkäufe verstaut hatte, stellte er fest, dass es ohne die Türen im
Küchenschrank unter der Spüle viel einfacher an den Mülleimer
unter Spüle kommt. Das war vor zwei Stunden und nun stand er vor
seinem Bücherregal und überlegte, welche Bücher er seinem Keller
anvertrauen konnte. Er hatte sich in den Kopf gesetzt ein ganzes Fach
frei zu räumen um Platz zu schaffen. Im war noch nicht klar, wofür
der Platz bestimmt war, hatte aber das Gefühl, es wäre schon
richtig so.
Zum Mittag machte er sich eine kleine
Mahlzeit und schaute sich eine Dokumentation über Weihnachtsmänner
in der ganzen Welt an. Als Dokumentation taugte für ihn eher
nichts, es reichte trotzdem als Ablenkung. Danach schaute er eine
Sendung über einen Jungen der in einem tibetischen Bergdorf lebte
und für eine Weile zu seiner Schwester in die Stadt gehen sollte.
Danach lief noch eine Dokumentation über Tiere in der Wüste,
während der er sich fragte, wie viele Dokumentationen über Tiere in
der Wüste man denn braucht und seit wann er Dokumentationen über
Tiere in der Wüste schaute. Ihm viel ein, dass er einfach nichts
besseres zu tun hatte und schaltete den Fernseher aus. Sein Urlaub
sollte nicht mit der Bestätigung der eigenen Nutzlosigkeit beginnen
und er machte sich einen Kaffee. Den er in der Küche trank, eine
Fußballzeitung las und zwei Zigaretten rauchte. Dabei schaute er aus
dem Fenster in den Hof und kam sich kultiviert vor. Wie in einem Film
in dem viel geraucht wird, alle ständig Sex haben und auch mit
unpassender Kleidung gut aussehen. Er dachte darüber nach wie es
wäre einen ganzen Tag alles nur in schwarz weiß sehen zu können.
Wie würde man so einen Tag verbringen? Einfach durch die Gegend
laufen und so viel wie möglich sehen wollen? Wie die Sonne auf und
untergeht. Wie die Ampeln aussehen, die Menschen und der Wald. Blumen
genauer betrachten und eine Ausstellung besuchen. In einen Supermarkt
gehen weil es einer der buntesten Orte überhaupt ist und Torte
essen, einfach um zu sehen wie sie schmeckt wenn man nicht sieht wie
sie schmecken soll.
Nach gut 45 Minuten hatte er genug von
dem Blick aus dem Fenster und wollte zurück ins Wohnzimmer gehen und
im Internet nach Zerstreuung suchen. Ihm viel das Kondenswasser auf,
das sich auf seinem Stuhl gebildet hatte. Den Stuhl hatte er günstig
in einem Einrichtungsmarkt bekommen. Er war schwarz, mit einer
Sitzfläche aus Plastik und eigentlich dafür gemacht um an eine Bar
zu sitzen oder einem hören Tisch. Doch auch hier passte er ganz gut
hin und machte die Küche ein wenig gemütlicher, da die eher als
Nutzraum eingerichtet war.
Das sich auf dem Stuhl Wasser sammelt
wenn man zu lange darauf saß, war ihm bis jetzt noch nicht
aufgefallen. Er wunderte sich, nichts davon gemerkt zu haben und
füllte mit dem Finger den feuchten Fleck. Das wir im Prinzip ständig
von Wasser umgeben sind, sei es auch nur sehr wenig, faszinierte ihn
immer wieder. Und noch mehr faszinierte ihn, dass es Umstände gab,
in denen sich dieses Phänomen ganz klar zeigte. So wie eben dieser
nasse Fleck auf dem Stuhl,auf dem er gerade noch saß. Seine Hose
schien davon nicht betroffen zu sein, die fühlte sich trocken an.
Damit war der kurze Exkurs in die Welt der Luftfeuchtigkeit auch
schon vorbei und er setzte seinen Weg in sein Wohnzimmer fort. Er
könnte ja auch mal schauen was das Internet dazu sagte, kam es ihm
in den Sinn, wurde aber auch gleich wieder von der Nachricht über
einen neuen Film verdrängt auf den er sich schon länger freute.