Gegen acht machte er sich etwas zu essen und setzte sich
vor den Computer. Er verschickte schon mal Grüße und Glückwünsche alle die
jetzt seine Freundesliste füllten, schaute noch irgendwelchen lustigen
Internetseiten vorbei und freute sich über die ersten Antworten auf seine
Glückwünsche.
Auch wenn er sich noch gegen eine Party sträubte, war
dieses Silvester schon mal weniger einsam als eigentlich alle zuvor. Einladungen
hatte es gegeben und das hätte ihm sicherlich auch Spaß gemacht, doch er wollte
sich so weit von seinem alten Leben wie nur irgend möglich entfernen, auch wenn
er das nur tat um sich selber etwas zu beweisen. So lange er mit dem Ergebnis
zufrieden sein würde, war der Abend ein Erfolg.
Gegen 22:00 Uhr hatte er sich eine alte Platte von Tomte
aufgelegt und saß in der Küche auf dem Schrank neben dem Fenster wo sonst das
Geschirr zum Trocknen stand. Im Haus war es ruhig und auch die junge Nachbarin
von gegenüber war wohl nicht zuhause. Das war ihm auch ganz recht, da er sich
nicht danach fühlte, fröhlichen Small Talk mit irgendwem zu teilen.
Er ließ die Platte die nächsten zwei Stunden immer wieder durchlaufen und wünschte
sich Erinnerungen die er damit hätte verbinden können. Doch die gab es nicht. Und
wenn dann nur daran wie er diese Platte gehört hatte. Nichts mit Erlebnissen
oder Freunden die das teilten.
Zwischendurch schaute er immer wieder in den Kühlschrank
und kostete sich vom Schinken zu den Shrimps und zurück. Mit Hunger hatte das
nichts zu tun, er musste sich nur irgendeine Befriedigung verschaffen und die
Zeit vergeht auch ein wenig schneller, wenn man sich nicht entscheiden kann was
man als nächstes essen möchte. Er beschäftigte sich einfach um nicht in eine
Laun zu fallen, die ihm den Abend noch verderben könnte. Immer wieder
kontrollierte er seine Kamera und mit jeder Minute wurde dieser Abend ein
kleines Stück größer
Fünf Minuten vor dem großen Moment stand er auf der
Straße. Er hatte sich zwar vorher überlegt welche Richtung er nehmen würde und
wo er seine Fotos machen wollte, doch jetzt kam ihm seine ganze Planung sehr
unsinnig vor und er lief einfach da lang, wo er auch zur Arbeit ging. Dass er
schon nach einer halben Stunde wieder in seiner Wohnung verschwand, würde er
einfach auf die Kälte schieben und Feuerwerk war dann auch gar nicht so toll.
Musik machte er keine mehr an und die Bilder konnten auch
bis zum nächsten Tag warten. Peter putzte sich noch die Zähne, vermied es aber
sich zu oft im Spiegel zu begegnen. Es war ungefähr um eins als er im Bett lag
und sich in ein Buch vergraben wollte. Der Abend wollte sich jedoch nicht so
leicht abschütteln lassen. Enttäuschung mischte sich mit Zufriedenheit.
Zufrieden mit dem Abend der als Ende einer Zeit gelungen war die er hinter sich
lassen wollte und enttäuscht weil noch nicht dort war wo er sich vor einer
Stunde noch gesehen hatte.
Die letzten Jahre im Blick entschied er sich zum Schluss
dafür einen guten Start ins neue Jahr gehabt zu haben und nahm sich vor, den
nächsten Morgen zu seinem zu machen und die einsamen Straßen als Motiv zu
nutzen.
Die Kinder saßen auf dem Boden und schauten gespannt zu
der jungen Frau die vor Ihnen auf dem Stuhl saß mit dem Buch auf dem Schoß. Es
war Vorlesezeit im Kindergarten und das mochten alle Kinder gerne. Sie machte
wieder eine Pause um zu lesen, was sie gleich laut wiederholen würde.
"Der Mann im Mond beugte sich zu Olaf herunter und
flüsterte ihm etwas ins Ohr. Was er ihm gesagt hatte ist das Geheimnis der
Beiden und wir können nur raten was der Mann im Mond gesagt hat. Ich bin mir
aber sicher, dass es ein gutes Geheimnis war, denn Olaf wischte sich seine
Tränen aus dem Gesicht und lächelte ...
Der blöde Peter hört gar nicht richtig zu."
Unterbrach ein Kinderstimme die junge Frau in ihrer
Geschichte.
"Der sitzt nur da guckt ganz blöd aus dem
Fenster."
Alle Augen waren jetzt auf Peter Peter gerichtet der ein
wenig abseits saß und mit den Augen draußen im Regen war. Er wusste schon was
jetzt kommen würde.
"Das ist unhöflich und das macht man nicht. Sie
geben sich so viel Mühe junge Frau und der blöde Peter guckt nur aus dem
Fenster."
Der Junge der jetzt im Raum stand war gut eine Kopf
größer als die anderen Kinder und auch sehr kräftig gebaut für sein Alter. Er
trug eine rote Latzhose mit einer gelben Ente vorne drauf, weiße Turnschuhe und
einen grünen Pullover. Das gab ihm noch mal ein Signalwirkung. Sein Gesicht
passte ganz gut zu seiner Statur, war eher flach gehalten und kündete schon
jetzt davon, dass seine Zukunft wohl eher nicht in einer akademischen Richtung
stattfinden würde. Seine Nase hatte schon länger kein Taschentuch mehr gesehen
und um sein Kinn bildete sich schon der Schatten eines drei Tage Bartes.
Sein Arm ragte in Richtung von Peter und sein Finger
verkrampfte beinahe bei dem Versuch noch stärker auf ihn zu zeigen.
"Also Peter, rechtfertige dich."
Die junge Frau auf dem Stuhl hatte das Buch geschlossen
und stützte sich mit den Unterarmen darauf um klar zu machen, dass hier jetzt
ein anderes Thema besprochen wurde und dieses Thema auch dafür verantwortlich dafür war, dass
dieses Buch auch nicht mehr aufgeschlagen wurde.
"Ich möchte jetzt von dir hören warum du es nicht
nötig hast, wie die anderen Kinder der Geschichte zuzuhören und uns damit allen
den Spaß verdirbst?"
Peter atmete tief ein und schaute aus dem Fenster. Er
hatte sich die Geschichte sehr wohl angehört, nur eben auf seine Art und was
hier passierte war einfach nicht Fair.
"Ich warte junger Mann. Wie möchtest du uns dein
Verhalten erklären?"
Peter stand auf und blickte in Richtung der jungen Frau
um sich eine Entschuldigung abzuringen.
"Ich bin fünf Jahre alt, ich erkläre hier erst mal
gar nichts. Ich habe der Geschichte sehr wohl zugehört nur ist es für mich doch
recht müßig sie während ihrer ständigen Pausen zu beobachten. Da hab ich mich
eben dafür entschieden mir mit der Aussicht aus dem Fenster, die Zeit zu
vertreiben. Wie gesagt, ich bin fünf, da ist das ein durchaus vertretbares
Verhalten. Und nun zu dir."
Er drehte sich zu dem Jungen in der roten Latzhose, der
noch immer auf ihn zeigte.
"Ich denke mal du kannst nicht anders, aber versuch
einfach mal nicht anderen auf die Nerven zu gehen, das kann helfen."
Peter drehte sich einmal um zu der jungen Frau.
"Ich möchte Ihnen noch zwei Dinge mit auf den Weg
geben. Erstens, bitte suchen sie sich einen neuen Job ganz ohne Menschen.
Zweitens, habe ich nach wirklich reiflicher Überlegung festgestellt, ich mag
sie nicht, was aber viel gravierender ist, es macht keinen Unterschied."
Peter musste sich erst mal sammeln und schaute auf die
Uhr, noch drei Stunden bis die Sonne auf geht. Er hatte diesen Traum schon eine
Weile nicht mehr geträumt und so eigentlich noch nie. Mit einem breiten Grinsen
schlief er wieder ein.
"Ja, die war auch scheiße."