Dienstag, 26. Juli 2016

Die Sache mit dem Licht III

Peter saß in dem Waschsalon und schaute zu wie die Maschine mit der Nummer vier ihren letzten Schleudergang beendete. Innen an der beschlagenen Scheibe bahnten sich Wassertropfen ihren Weg zu einem Sammelpunkt auf der echten Seite kurz nach Viertel. Dort entstand ein großer Tropfen der wild vor sich hin vibrierte und ab und zu einen neuen kleinen Tropfen auf den Weg schickte über die Scheibe zu zappeln.
Als die Maschine fertig war, fing sie an zu piepen und ein fast junger Mann nahm seine fertige Wäsche aus der Maschine. Er stopfte sie einfach in eine große Tasche wie sie auch bei der Armee benutzt wurde. Pullover, Boxershorts, Hemden und sehr viele Socken. Dann gab die Maschine mit der Nummer drei ihr Signal und auch diese Wäsche kam noch mit in die Tasche. Als der junge Mann fertig war, schnappte er sich sein Buch, in dem er gar nicht gelesen hatte.

„Kommst du? Auf Dauer wird es hier doch zu langweilig.“
Peter schaute den jungen Mann an und stand auf.
Draußen war sehr schönes, fast ein wenig zu warmes Sommerwetter. Die Luft leuchtete ein wenig und die Hitze sorgte für ein angenehme Ruhe die sich auf die Häuser legte.
Peter und der junge Mann gingen die Straße hinunter. Ein paar Kinder hatten sich gerade ein Eis geholt und ein Mann fuhr mit seinem Fahrrad vorbei. Wenn man wollte, konnte man noch mehr Menschen sehen, die den schönen Tag mit einem Spaziergang verbrachten. Man konnte sie aber auch ganz gemütlich auf Abstand halten und den Tag alleine genießen.

Der junge Mann kam mit einem kleinen Korb mit Wäscheklammern und zwei kühlen Getränken aus seiner Wohnung. Peter hatte es sich auf einer Bank vor einem alten Holztisch im Hof gemütlich gemacht. Bis auf den Platz wo er saß, war alles vom Licht durchflutet. In einer Ecke standen Fahrräder in der an anderen lagen unterschiedlichste Bälle herum. Es gab einen Fußball, der schon sehr mitgenommen aussah. Es gab mehrere bunte Bälle für kleinere Kinder und einen Ball der aussah wie eine angeschnittene Melone. Peter stellte sich vor, wie die Kinder darüber redeten ob sie heute mit dem Fußball oder doch lieber mit der Melone spielen sollten und musste lächeln.

Der junge Mann fing an seine Wäsche auf die Wäscheleine zu hängen, die quer über den Hof gespannt war. Zuerst kamen die T-Shirt dran. Der junge Mann achtete darauf zuerst alle orangenen Wäscheklammern zu benutzen. Zwei für jedes Kleidungsstück.

„Kann ich was trinken.“
Fragte eine kleine Stimme neben Peter. Der Junge war ungefähr sechs oder sieben Jahre alt. Vor ihm auf dem Tisch lagen Wachsmalstifte und Papier. Er war gerade dabei gewesen ein Bild zu malen, dass ein Fußballfeld zeigte.

„Ja nimm ruhig.“
Sagte Peter und schaute zu, wie der kleine Junge mit beiden Händen nach der Flasche griff und mühsam daraus trank.

„Danke.“
Sagte er und konzentrierte sich wieder auf ein neues leeres Blatt Papier.

„Ich kann schon verstehen, warum du keine Lust mehr hast.“
Der Junge war nun um die zehn Jahre alt.

„Ich kann mir gerade so ein Leben vorstellen und du musst eins nach dem anderen erleben. Das kann schon ermüdend sein. Ich glaube jeder braucht da mal eine Pause. Da geht es mir manchmal genauso.“
Er nahm sich einen neuen Stift und fügte dem Bild ein paar neue Linien hinzu. Peter konnte noch nichts erkennen.

„Du hast natürlich eine Wahl.“
Der sechzehnjährige Jugendliche dreht den Stift in der Hand und beobachtete das unfertige Bild.

„Wenn du nicht mehr weiter leben willst dann kannst du auch aufhören. Niemand kann und niemand will dich dazu zwingen.“
Peter schaute nach oben und sah nichts bis auf den blauen Himmel. Wenn er die Umgebung ausblendete konnte er sich eine Ahnung davon verschaffen, was es heißt klein zu sein.

„Es sollte Sinn machen.“
Sagte Peter. Er hatte eine Weile gebraucht um heraus zu finden was er eigentlich wollte, doch das brachte es ziemlich gut auf den Punkt.

„Natürlich sollte es das. Und das macht es auch.“
Der junge Mann auf der Bank suchte sich einen neuen Stift und fing an größere Flächen auszumalen.

„Es geht um die Erinnerungen. Einer muss sie bewahren. Und dieser eine muss dabei sein und es auch bleiben. Das ist leider Teil der Aufgabe. Der Mensch hat ein ziemlich großes Talent los zu lassen. Da bleibt einfach nicht viel übrig wenn er weiter gegangen ist. Dabei gibt es so viel was sich lohnt zu erinnern.“
Der Mann schüttelte den Kopf und widmete sich wieder der Zeichnung.
Die Wäsche die der junge Mann aufgehangen hatte, war längst getrocknet und von der Erde verschlungen worden. Nur ein paar Stoffreste zwischen den Grasnarben erinnerten daran.
Peter nahm sich einen Schluck von dem kalten Getränk und fand es ein wenig süß.

„Warum ich?“
Wollte Peter wissen und schaute auf den Mann der sich den Schweiß von der Stirn wischte.

„Eine gute Frage. Eine Antwort kann ich dir leider nicht geben. Möglich, dass es mal einen Grund gab. Es kann auch von jeher reiner Zufall sein oder eine höhere Macht ist dafür verantwortlich. Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Was ich weiß. Es ist eben so.“
Nicht unbedingt die Antwort die Peter hören wollte. Trotzdem besser als kein Antwort und damit auf der guten Seite. Peter atmete noch ein mal tief durch und streckte sich.

„Es geht bald wieder los, oder?“
Fragte er den alten Mann.

„Ja es geht bald wieder los.“
Sagte der Alte und machte einen letzten Strich auf sein Bild. Peter wusste immer noch nicht was es zeigte, fand es aber irgendwie schön.

Ohne, dass er es mitbekommen hatte, war die Sonne hinter dem Haus verschwunden und der Schatten lag jetzt über dem ganzen Hof. Peter schloss seine Augen. Durch die Augenlieder hindurch konnte er das helle künstliche Licht sehen und merkte wie es ihn blendete. Ihm war kalt und er hatte das Bedürfnis laut zu schreien.

Sonntag, 24. Juli 2016

Die Sache mit dem Licht II

Peter saß schon eine ganze Weile da und schaffte es nichts zu sagen. Er schaute auf den Fernseher und versuchte sich so gut wie möglich für das zu interessieren was er da sah. Drei kleine Meereswesen die aussahen wie Kinder und gerade ein Abenteuer erlebten. Obwohl Abenteuer nicht ganz passte. Es war eher eine kleine Krise innerhalb der Gruppe die aufgeklärt werden musste. Wenn Peter seine Konzentration nicht für sein Schweigen aufbrauchen müsste, hätte er schon längst den Sender gewechselt. Dass das Licht immer störender blinkte war dabei auch keine Hilfe.

„Weißt du was Peter. Es gab mal diesen Jungen. Der lebte in einem kleinen Bergdorf. Es waren nicht viele Einwohner, alle kannten sich und es war sehr friedlich. Jeden Morgen führte der Junge die Kühe auf die Weide. Dort konnten die Tiere von dem saftigen Gras essen bis sie satt wahren, sie konnten das Wasser vom Bach trinken und sie konnten in der Sonne liegen. Der Junge musste nichts weiter tun, als daneben zu sitzen und die Kühe beisammen zu halten. Wenn ab und zu mal eines der Tiere auf Wanderschaft gehen wollte, lief der Junge hinterher und trieb es mit seiner Rute zurück zu der Herde. Wie Jungs nun mal sind, wurde ihm das irgendwann zu langweilig. Tag ein Tag aus im Gras liegen und die Kühe zu bewachen, kam ihm so klein vor und die Welt um ihn herum so groß. Eines Tages beschloss er selber auf Wanderschaft zu gehen. Er brachte die Kühe auf die Weide und machte sich auf den Weg in die Berge.“
Peter schüttelte gelangweilt den Kopf. Er hatte keine Lust auf eine Geschichte und diese schon gar nicht.

„Lass mich doch erzählen.“
Sagte Menes.

„Die Geschichte passt ganz gut zu dir.“
Fügte er noch hinzu und wollte weiter reden. Peter kürzte das Ganze ab.

„Na klar passt sie zu mir. Es ist ja auch meine Geschichte. Ich war der Junge. Und ich ging den Berg hinauf, der eigentlich eher ein Hügel war und sah nichts. Es war nichts zu entdecken außer einer anderen Wiese, in einem anderem Tal. Als ich wieder zurück kam, war eine der Kühe verschwunden und mein Vater hat mich halb tot geprügelt. Was soll das?“
Peter regte sich zurecht auf wie er fand. Warum erzählte Menes ihm auch sein eigenes Leben. Oder besser gesagt, eines davon.

„Ja es geht auch nicht um die Geschichte. Es geht um das was du zu sehen bekamst. Es war nämlich nichts da. Nichts was auch nur annähernd die Prügel gelohnt hätte. Das ist es was ich dir sagen wollte.“
Menes war ein wenig beleidigt, weil er seine Geschichte und damit seinen zurecht gelegten Dialog nicht zu ende bringen konnte. Er fand sich gut, wenn er die Kontrolle hatte. Wenn er es schaffte seinen Gegenüber zu manipulieren ohne, dass er es merkte. Peter wollte nicht manipuliert werden.

„Es war auch sonst nichts da, was irgendwas gelohnt hätte. Ich bin ein Jahr später an einer Erkältung gestorben. Ich bin gerade 13 Jahre alt geworden und schon war mein Leben vorbei. Übrigens nicht das einzige mal, dass ich viel zu jung gestorben bin. Weißt du noch die eine Woche in der ich vier mal geboren wurde. Vier mal, verstehst du. Das macht doch keinen Sinn.“
Ein gutes Argument wie Peter fand.

„Lungenentzündung.“
Sagte Menes kleinlaut.

„Was?“
Fragte Peter laut.

„Du bist an einer Lungenentzündung gestorben. An einer Erkältung stirbt man nicht.“
Sagte Menes und sah auch aus wie jemand der Recht haben wollte ob es nun Sinn macht oder nicht.

„Von mir aus. Dann eben eine Lungenentzündung.“
Peter stand auf und versuchte sich nicht am Licht zu stören, dass jetzt immer aufdringlicher wurde. Viel mehr machte ihm seine Gesundheit zu schaffen. Die war ja schon so gut wie verschwunden und machte einem Gefühl von Ende Platz.
Er ging in die Küche um sich einen Cocktail aus Schmerzmitteln zu gönnen. Dort wartete schon Menes auf ihn.

„Wer sagt mir eigentlich, dass du nicht der Rest eines Traumas bist, dass ich mir in einem meiner Leben geholt habe? Kann ja gut sein, dass ich einfach nur komplett durch bin und du nur eine Nebenwirkung meiner Umstände bist.“
Peter schluckte die Hand voll Tabletten mit einem mal runter und wartete selbstsicher auf eine Antwort. Menes hatte nicht vor darauf zu reagieren. Ihm war es zu blöd schon wieder für eine Psychose gehalten zu werden. Das hatten sie nun oft genug durchgekaut.

„Oder du bist womöglich gar nicht der Gute hier. Du hältst mich von meinem eigentlichen Ziel ab in dem ich das mache was du sagst und das Licht benutze. Kann es sein, dass ich ein ganz anderes Schicksal zu erfüllen habe? Du als Bote der dunklen Seite. Kann ich mir sehr gut vorstellen.

Menes war einfach nur genervt von solchen Vorwürfen und zeigte das auch. Er seufzte genervt und ging wieder in das Wohnzimmer, wo er sich vor den Fernseher setzte.

„Weißt du was. Es nervt wirklich langsam. Klar sind deine Leben nicht die spannendsten oder abenteuerlichsten. Das kannst du mir aber nicht vorwerfen. Ich mache deine Leben doch nicht. Und so weit ich weiß auch kein anderer. Von uns bekommst du nur die Grundlage. Was du daraus machst ist alleine deine Sache.“
Menes bekam keine Antwort.

„Natürlich gibt es andere Menschen die schon von Geburt an Glück haben. Die sind dann reich oder talentiert und im schlimmsten Fall sind sie beides. Da kann man schon neidisch werden. Es gibt aber auch ganz viele die haben nur eins von beiden und sind sonst echt arme Schweine. Ich könnte dir da Geschichten erzählen. Wenn du denkst, dass der beste Maler der Welt in einem schönen Haus am Meer lebt, dann hast du dich geschnitten. Manuel geht es gar nicht gut. Der weiß nicht was er morgen essen soll.“
Peter schwieg weiter. Er hatte es gar nicht nötig zu antworten, was Menes langsam wütend werden ließ. Er konnte ihn doch nicht einfach so ignorieren. Das war nicht Teil des Spiels. Klar, er darf seine Meinung haben und auch mal dagegen sein. Doch zum Schluss ist es doch immer das Gleiche.

„Du solltest nicht so undankbar sein. Es gibt eine Menge Leute die dich beneiden.“
Es gab auch eine Menge Leute, die das Ganze für eine blöde Idee hielten und lieber früher als später beenden wollten.

„Es gibt auch eine Menge Leute die mich nicht beneiden.“
Im Moment beneidete Menes sich auch nicht besonders. Er hatte einfach keine Lust sich jetzt mit Peter herumzustreiten.

„Jetzt komm langsam mal wieder klar und ...“
Das letzte was Menes sagte, war ein sehr altes Schimpfwort. Es ging allerdings in einer kurzen Schnappatmung unter die sich ihm aufdrängte als er Peter in der Küche liegen sah. Der war schon seit ein paar Minuten tot und lag dort herum, als würde ihn das alle nichts mehr angehen.