„Manchmal ist das was man erlebt so seltsam, dass man
denkt das alles wäre nicht wirklich und dann hat man ein Problem. Dann verliert
man das was passiert ist und man verliert ein Stück von sich. Man verliert den
Grund warum man ist wie man ist und kennt sich selber nicht mehr, man wird sich
fremd, wenn auch nur in kleinen Teilen. Das reicht aber schon. Weißt Du was ich
meine?“
„Weiß ich noch nicht, ich glaub das kann ich Dir später
sagen.“
Peter hatte eine Ahnung von dem was Paul da sagte, wollte
sich aber noch nicht festlegen.
„Es war also Krieg. Meine Schwester gegen meine Mutter
und ich mittendrinn. Einen Vater hatten wir natürlich auch, den gab es allerdings
nicht so richtig. Zuerst war er nie da und dann war er weg. Wann das genau passierte
weiß ich schon gar nicht mehr, es war halt so und sollte wohl auch so sein. Man
gewöhnt sich eben daran wenn jemand nicht da ist. Unsere Mutter hatte damit
keine Probleme. Sie sagte immer, dass man stark sein muss in dieser Welt und Glück
und Pech sind nur die Ausreden der Leute die ihr Leben nicht unter Kontrolle haben.
Solche Sachen sagte sie immer zu uns. Das machte das Ganze nicht einfacher. Sie
wollte uns nicht weinen sehen, sie wollte uns stark sehen. Keine Ahnung ob das
jede Mutter so macht, ich würde meinen Kindern sowas ja nicht erzählen. Immer
wieder hielt sie uns Vorträge über die Menschen die besser sind als andere,
weil sie nicht aufgeben und auch alleine klar kommen. Menschen die kämpfen und
Opfer bringen. Ich weiß gar nicht mehr was ich damals darüber dachte. Ich war
ja eigentlich noch zu klein um überhaupt was darüber zu denken. Irgendwann kam
dann auch der Tag an dem das alles ein Ende finden würde. Das sind ja seltene
Momente im Leben, die wirklich was verändern. Meistens passiert ja etwas und
dann geht es einfach weiter, so wie vorher. Unsere Mutter mochte Dinge die
stark sind und ganz besonders solche, denen man es nicht ansieht. Dinge die
schön sind und trotzdem gefährlich. Von diesen Dingen war sie ganz begeistert.
Sie hatte da auch eine kleine Sammlung von Büchern und so Kram eben und auch
ein Pflanze die Ihr ganz wichtig war. Ich habe keine Ahnung wie das Ding hieß
oder woher sie kam. Auf jeden Fall war sie wunderschön und sehr giftig, was
unsere Mutter uns auch immer sagte. Wir durften die Blume nicht anfassen oder
Ihr zu nahe kommen. Sie stand in ihrem Arbeitszimmer und wenn sie nicht da war,
dann war das Zimmer auch verschlossen. Irgendwann mal war wieder einer dieser
Tage an denen der Krieg tobte. Es war früh und unsere Mutter musste auf Arbeit,
während wir Ferien hatten. Meine Schwester und meine Mutter hatten sich mal
wieder gestritten, worum es ging weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass keiner
nachgeben wollte. Unsere Mutter hatte aber keine Zeit dafür und ging einfach.
Wir waren schon zehn Jahre und konnten damit auch alleine zu Hause bleiben. Ich
wollte mich da einfach nur raushalten und blieb im Bett liegen. Es waren ja
auch Ferien, da muss man nicht früh aufstehen. Irgendwann bin ich dann doch
raus aus dem Bett und wollte gucken was meine Schwester macht. Die hatte sich
sonst eigentlich vor den Fernseher gesetzt, Trickfilme geguckt und Eis oder
Schokolade gefuttert. Irgendwas eben was unserer Mutter nicht passte. Sie saß
aber nicht vor dem Fernseher. Ich dachte schon sie wäre weg gegangen, da merkte
ich, dass die Tür zum Arbeitszimmer offen stand. Ich wollte eigentlich gar
nicht wissen, was sie da drinnen angestellt hatte. Ich guckte aber trotzdem
rein und da lag sie. Sie lag auf dem Boden und neben Ihr die Blume. Aus dem
Mund meiner Schwester lief Flüssigkeit so wie wenn man sich erbrechen muss und
sie zuckte ganz komisch. Wie bei einem Anfall oder so. Ich hab dann den Notarzt
gerufen und mehr weiß ich auch nicht von dem Tag. Später hat man dann gesagt,
sie hätte den Kopf der Pflanze abgebissen. Ich denke sie wollte meine Mutter
damit ärgern. Sie und meine Mutter haben sich dann nie wieder gestritten.
Meine Schwester ist jetzt auf einem Internat und kommt nur
in den Sommerferien und zu Weihnachten nach Hause. In den Sommerferien können
sich die beiden aus dem Weg gehen und zu Weihnachten wird einfach nicht viel
geredet. Gefallen tut mir das Ganze natürlich nicht, aber jetzt ist wenigstens
Ruhe und auch andere Familien haben Ihre Töchter aufs Internat geschickt. Das
hätte wohl auch schlimmer ausgehen können.“
Paul schaute auf den Boden und schob den Schnee mit
seiner Fußspitze zusammen.
„Das hätte wirklich schlimmer ausgehen können. Wie
verstehst Du Dich denn mit Deiner Schwester?“
„Eigentlich ganz gut, wir sehen uns ja nicht oft, da kann
man sich auch nicht streiten oder so. Die Geschichte geht aber noch weiter. Was
jetzt kommt, ist gar nicht so lange her. Drei oder vier Wochen. Also kurz nach
Weihnachten. Meine Schwester war gerade wieder ins Internat gefahren und meine
Mutter kam von einer Feier. Sie hatte ein bisschen zu viel getrunken glaub ich
und war nicht gut drauf. Das war sie eigentlich nie, wenn meine Schwester
wieder weg war. Ich saß gerade vor dem Fernseher und guckte irgendeinen
Weihnachtsfilm. Sie kam ins Wohnzimmer und setzte sich zu mir. „Hab niemals Kinder“
Sagte sie zu mir. „Kinder sind nie so wie Du es gerne hättest und das ist die
größte Enttäuschung überhaupt. Das eine Kind ist stark aber dumm und das andere
Kind ist wohl nicht so dumm aber ein Waschlappen. Da gibt man dann sein Leben
hin und hat nichts davon.“ Sie ist dann ins Bett gegangen. Ich wusste auch gar
nicht was ich hätte sagen sollen. Auf einmal war meine Mutter ein ganz anderer
Mensch geworden. Ich weiß nicht wie das ist wenn man Kinder hat, ich glaube einfach
nicht, dass man seinen Kindern sowas sagt oder so über seine Kinder denkt. Ich bin
aber trotzdem froh, dass sie es gesagt hat. Immer noch besser als die ganze
Zeit belogen zu werden.“
„Da hast Du wohl Recht.“
Peter wusste nicht wirklich was er jetzt sagen sollte. Er
wusste eigentlich nicht ob er überhaupt was sagen sollte. Er war froh als die
Bahn kam und er sich erst mal Gedanken darüber machen konnte was er gerade
gehört hatte und welche Rolle er dabei in Zukunft spielen würde.