Mittwoch, 5. Oktober 2016

Würfel Gedichte Level 1 "Die Biene"

Hat der alte Hausemeister
sich nun doch mal weg begeben.
Und nun sollen seine Kleister
auch nach meinem Willen Kleben.
Ohne Sport und Stärke
merk ich meinen Bauch
und mit Geistesschwäche
tu ich irgendwas jetzt auch.

Wolle Wolle
Manche Decke
dass zum Zwecke
Honig fließe
und mir reichem vollem Schwalle
auf mein Brötchen sich ergieße

Und nun komm du alte Biene
Nimm die schlechten Lumpenhüllen
Bist zu lange faul gewesen
nun erfülle meinen Wüllen!
Mit zwei Flügeln
vorne sei ein Kopf
in die kleinen Bienenhände
kommt auch noch ein Honigtopf

Seht sie fliegt zur Wiese rüber
holt den Honig ungeniert
kommt mit Blitzeschnelle wieder
und mein Brötchen damit schmiert
Schon zum zweiten Male
wie das Brötchen schwillt
wie sich langsam jede Ritze
mit dem leckeren Honig füllt

Und sie laufen gold und klebrig
wird’s im Saal und auf den Stufen
Welch entsetzliches Geklecker
Herr und Meister hör mich rufen
Ach guck da kommt der Meister
Herr die Not ist groß
Die ich rief die Bienen
werd ich nun nicht los.

In die Ecke Biene, Biene
lass das sein.
Denn als Biene ruft dich nur zu diesem Zwecke
erst hervor der alte Meister!

Dienstag, 26. Juli 2016

Die Sache mit dem Licht III

Peter saß in dem Waschsalon und schaute zu wie die Maschine mit der Nummer vier ihren letzten Schleudergang beendete. Innen an der beschlagenen Scheibe bahnten sich Wassertropfen ihren Weg zu einem Sammelpunkt auf der echten Seite kurz nach Viertel. Dort entstand ein großer Tropfen der wild vor sich hin vibrierte und ab und zu einen neuen kleinen Tropfen auf den Weg schickte über die Scheibe zu zappeln.
Als die Maschine fertig war, fing sie an zu piepen und ein fast junger Mann nahm seine fertige Wäsche aus der Maschine. Er stopfte sie einfach in eine große Tasche wie sie auch bei der Armee benutzt wurde. Pullover, Boxershorts, Hemden und sehr viele Socken. Dann gab die Maschine mit der Nummer drei ihr Signal und auch diese Wäsche kam noch mit in die Tasche. Als der junge Mann fertig war, schnappte er sich sein Buch, in dem er gar nicht gelesen hatte.

„Kommst du? Auf Dauer wird es hier doch zu langweilig.“
Peter schaute den jungen Mann an und stand auf.
Draußen war sehr schönes, fast ein wenig zu warmes Sommerwetter. Die Luft leuchtete ein wenig und die Hitze sorgte für ein angenehme Ruhe die sich auf die Häuser legte.
Peter und der junge Mann gingen die Straße hinunter. Ein paar Kinder hatten sich gerade ein Eis geholt und ein Mann fuhr mit seinem Fahrrad vorbei. Wenn man wollte, konnte man noch mehr Menschen sehen, die den schönen Tag mit einem Spaziergang verbrachten. Man konnte sie aber auch ganz gemütlich auf Abstand halten und den Tag alleine genießen.

Der junge Mann kam mit einem kleinen Korb mit Wäscheklammern und zwei kühlen Getränken aus seiner Wohnung. Peter hatte es sich auf einer Bank vor einem alten Holztisch im Hof gemütlich gemacht. Bis auf den Platz wo er saß, war alles vom Licht durchflutet. In einer Ecke standen Fahrräder in der an anderen lagen unterschiedlichste Bälle herum. Es gab einen Fußball, der schon sehr mitgenommen aussah. Es gab mehrere bunte Bälle für kleinere Kinder und einen Ball der aussah wie eine angeschnittene Melone. Peter stellte sich vor, wie die Kinder darüber redeten ob sie heute mit dem Fußball oder doch lieber mit der Melone spielen sollten und musste lächeln.

Der junge Mann fing an seine Wäsche auf die Wäscheleine zu hängen, die quer über den Hof gespannt war. Zuerst kamen die T-Shirt dran. Der junge Mann achtete darauf zuerst alle orangenen Wäscheklammern zu benutzen. Zwei für jedes Kleidungsstück.

„Kann ich was trinken.“
Fragte eine kleine Stimme neben Peter. Der Junge war ungefähr sechs oder sieben Jahre alt. Vor ihm auf dem Tisch lagen Wachsmalstifte und Papier. Er war gerade dabei gewesen ein Bild zu malen, dass ein Fußballfeld zeigte.

„Ja nimm ruhig.“
Sagte Peter und schaute zu, wie der kleine Junge mit beiden Händen nach der Flasche griff und mühsam daraus trank.

„Danke.“
Sagte er und konzentrierte sich wieder auf ein neues leeres Blatt Papier.

„Ich kann schon verstehen, warum du keine Lust mehr hast.“
Der Junge war nun um die zehn Jahre alt.

„Ich kann mir gerade so ein Leben vorstellen und du musst eins nach dem anderen erleben. Das kann schon ermüdend sein. Ich glaube jeder braucht da mal eine Pause. Da geht es mir manchmal genauso.“
Er nahm sich einen neuen Stift und fügte dem Bild ein paar neue Linien hinzu. Peter konnte noch nichts erkennen.

„Du hast natürlich eine Wahl.“
Der sechzehnjährige Jugendliche dreht den Stift in der Hand und beobachtete das unfertige Bild.

„Wenn du nicht mehr weiter leben willst dann kannst du auch aufhören. Niemand kann und niemand will dich dazu zwingen.“
Peter schaute nach oben und sah nichts bis auf den blauen Himmel. Wenn er die Umgebung ausblendete konnte er sich eine Ahnung davon verschaffen, was es heißt klein zu sein.

„Es sollte Sinn machen.“
Sagte Peter. Er hatte eine Weile gebraucht um heraus zu finden was er eigentlich wollte, doch das brachte es ziemlich gut auf den Punkt.

„Natürlich sollte es das. Und das macht es auch.“
Der junge Mann auf der Bank suchte sich einen neuen Stift und fing an größere Flächen auszumalen.

„Es geht um die Erinnerungen. Einer muss sie bewahren. Und dieser eine muss dabei sein und es auch bleiben. Das ist leider Teil der Aufgabe. Der Mensch hat ein ziemlich großes Talent los zu lassen. Da bleibt einfach nicht viel übrig wenn er weiter gegangen ist. Dabei gibt es so viel was sich lohnt zu erinnern.“
Der Mann schüttelte den Kopf und widmete sich wieder der Zeichnung.
Die Wäsche die der junge Mann aufgehangen hatte, war längst getrocknet und von der Erde verschlungen worden. Nur ein paar Stoffreste zwischen den Grasnarben erinnerten daran.
Peter nahm sich einen Schluck von dem kalten Getränk und fand es ein wenig süß.

„Warum ich?“
Wollte Peter wissen und schaute auf den Mann der sich den Schweiß von der Stirn wischte.

„Eine gute Frage. Eine Antwort kann ich dir leider nicht geben. Möglich, dass es mal einen Grund gab. Es kann auch von jeher reiner Zufall sein oder eine höhere Macht ist dafür verantwortlich. Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Was ich weiß. Es ist eben so.“
Nicht unbedingt die Antwort die Peter hören wollte. Trotzdem besser als kein Antwort und damit auf der guten Seite. Peter atmete noch ein mal tief durch und streckte sich.

„Es geht bald wieder los, oder?“
Fragte er den alten Mann.

„Ja es geht bald wieder los.“
Sagte der Alte und machte einen letzten Strich auf sein Bild. Peter wusste immer noch nicht was es zeigte, fand es aber irgendwie schön.

Ohne, dass er es mitbekommen hatte, war die Sonne hinter dem Haus verschwunden und der Schatten lag jetzt über dem ganzen Hof. Peter schloss seine Augen. Durch die Augenlieder hindurch konnte er das helle künstliche Licht sehen und merkte wie es ihn blendete. Ihm war kalt und er hatte das Bedürfnis laut zu schreien.

Sonntag, 24. Juli 2016

Die Sache mit dem Licht II

Peter saß schon eine ganze Weile da und schaffte es nichts zu sagen. Er schaute auf den Fernseher und versuchte sich so gut wie möglich für das zu interessieren was er da sah. Drei kleine Meereswesen die aussahen wie Kinder und gerade ein Abenteuer erlebten. Obwohl Abenteuer nicht ganz passte. Es war eher eine kleine Krise innerhalb der Gruppe die aufgeklärt werden musste. Wenn Peter seine Konzentration nicht für sein Schweigen aufbrauchen müsste, hätte er schon längst den Sender gewechselt. Dass das Licht immer störender blinkte war dabei auch keine Hilfe.

„Weißt du was Peter. Es gab mal diesen Jungen. Der lebte in einem kleinen Bergdorf. Es waren nicht viele Einwohner, alle kannten sich und es war sehr friedlich. Jeden Morgen führte der Junge die Kühe auf die Weide. Dort konnten die Tiere von dem saftigen Gras essen bis sie satt wahren, sie konnten das Wasser vom Bach trinken und sie konnten in der Sonne liegen. Der Junge musste nichts weiter tun, als daneben zu sitzen und die Kühe beisammen zu halten. Wenn ab und zu mal eines der Tiere auf Wanderschaft gehen wollte, lief der Junge hinterher und trieb es mit seiner Rute zurück zu der Herde. Wie Jungs nun mal sind, wurde ihm das irgendwann zu langweilig. Tag ein Tag aus im Gras liegen und die Kühe zu bewachen, kam ihm so klein vor und die Welt um ihn herum so groß. Eines Tages beschloss er selber auf Wanderschaft zu gehen. Er brachte die Kühe auf die Weide und machte sich auf den Weg in die Berge.“
Peter schüttelte gelangweilt den Kopf. Er hatte keine Lust auf eine Geschichte und diese schon gar nicht.

„Lass mich doch erzählen.“
Sagte Menes.

„Die Geschichte passt ganz gut zu dir.“
Fügte er noch hinzu und wollte weiter reden. Peter kürzte das Ganze ab.

„Na klar passt sie zu mir. Es ist ja auch meine Geschichte. Ich war der Junge. Und ich ging den Berg hinauf, der eigentlich eher ein Hügel war und sah nichts. Es war nichts zu entdecken außer einer anderen Wiese, in einem anderem Tal. Als ich wieder zurück kam, war eine der Kühe verschwunden und mein Vater hat mich halb tot geprügelt. Was soll das?“
Peter regte sich zurecht auf wie er fand. Warum erzählte Menes ihm auch sein eigenes Leben. Oder besser gesagt, eines davon.

„Ja es geht auch nicht um die Geschichte. Es geht um das was du zu sehen bekamst. Es war nämlich nichts da. Nichts was auch nur annähernd die Prügel gelohnt hätte. Das ist es was ich dir sagen wollte.“
Menes war ein wenig beleidigt, weil er seine Geschichte und damit seinen zurecht gelegten Dialog nicht zu ende bringen konnte. Er fand sich gut, wenn er die Kontrolle hatte. Wenn er es schaffte seinen Gegenüber zu manipulieren ohne, dass er es merkte. Peter wollte nicht manipuliert werden.

„Es war auch sonst nichts da, was irgendwas gelohnt hätte. Ich bin ein Jahr später an einer Erkältung gestorben. Ich bin gerade 13 Jahre alt geworden und schon war mein Leben vorbei. Übrigens nicht das einzige mal, dass ich viel zu jung gestorben bin. Weißt du noch die eine Woche in der ich vier mal geboren wurde. Vier mal, verstehst du. Das macht doch keinen Sinn.“
Ein gutes Argument wie Peter fand.

„Lungenentzündung.“
Sagte Menes kleinlaut.

„Was?“
Fragte Peter laut.

„Du bist an einer Lungenentzündung gestorben. An einer Erkältung stirbt man nicht.“
Sagte Menes und sah auch aus wie jemand der Recht haben wollte ob es nun Sinn macht oder nicht.

„Von mir aus. Dann eben eine Lungenentzündung.“
Peter stand auf und versuchte sich nicht am Licht zu stören, dass jetzt immer aufdringlicher wurde. Viel mehr machte ihm seine Gesundheit zu schaffen. Die war ja schon so gut wie verschwunden und machte einem Gefühl von Ende Platz.
Er ging in die Küche um sich einen Cocktail aus Schmerzmitteln zu gönnen. Dort wartete schon Menes auf ihn.

„Wer sagt mir eigentlich, dass du nicht der Rest eines Traumas bist, dass ich mir in einem meiner Leben geholt habe? Kann ja gut sein, dass ich einfach nur komplett durch bin und du nur eine Nebenwirkung meiner Umstände bist.“
Peter schluckte die Hand voll Tabletten mit einem mal runter und wartete selbstsicher auf eine Antwort. Menes hatte nicht vor darauf zu reagieren. Ihm war es zu blöd schon wieder für eine Psychose gehalten zu werden. Das hatten sie nun oft genug durchgekaut.

„Oder du bist womöglich gar nicht der Gute hier. Du hältst mich von meinem eigentlichen Ziel ab in dem ich das mache was du sagst und das Licht benutze. Kann es sein, dass ich ein ganz anderes Schicksal zu erfüllen habe? Du als Bote der dunklen Seite. Kann ich mir sehr gut vorstellen.

Menes war einfach nur genervt von solchen Vorwürfen und zeigte das auch. Er seufzte genervt und ging wieder in das Wohnzimmer, wo er sich vor den Fernseher setzte.

„Weißt du was. Es nervt wirklich langsam. Klar sind deine Leben nicht die spannendsten oder abenteuerlichsten. Das kannst du mir aber nicht vorwerfen. Ich mache deine Leben doch nicht. Und so weit ich weiß auch kein anderer. Von uns bekommst du nur die Grundlage. Was du daraus machst ist alleine deine Sache.“
Menes bekam keine Antwort.

„Natürlich gibt es andere Menschen die schon von Geburt an Glück haben. Die sind dann reich oder talentiert und im schlimmsten Fall sind sie beides. Da kann man schon neidisch werden. Es gibt aber auch ganz viele die haben nur eins von beiden und sind sonst echt arme Schweine. Ich könnte dir da Geschichten erzählen. Wenn du denkst, dass der beste Maler der Welt in einem schönen Haus am Meer lebt, dann hast du dich geschnitten. Manuel geht es gar nicht gut. Der weiß nicht was er morgen essen soll.“
Peter schwieg weiter. Er hatte es gar nicht nötig zu antworten, was Menes langsam wütend werden ließ. Er konnte ihn doch nicht einfach so ignorieren. Das war nicht Teil des Spiels. Klar, er darf seine Meinung haben und auch mal dagegen sein. Doch zum Schluss ist es doch immer das Gleiche.

„Du solltest nicht so undankbar sein. Es gibt eine Menge Leute die dich beneiden.“
Es gab auch eine Menge Leute, die das Ganze für eine blöde Idee hielten und lieber früher als später beenden wollten.

„Es gibt auch eine Menge Leute die mich nicht beneiden.“
Im Moment beneidete Menes sich auch nicht besonders. Er hatte einfach keine Lust sich jetzt mit Peter herumzustreiten.

„Jetzt komm langsam mal wieder klar und ...“
Das letzte was Menes sagte, war ein sehr altes Schimpfwort. Es ging allerdings in einer kurzen Schnappatmung unter die sich ihm aufdrängte als er Peter in der Küche liegen sah. Der war schon seit ein paar Minuten tot und lag dort herum, als würde ihn das alle nichts mehr angehen.

Sonntag, 19. Juni 2016

Die Sache mit dem Licht I


Die Sonne machte sich durch die schmalen Schlitze der Jalousien bemerkbar und es sollte wieder ein schöner Sommertag werden. Er überlegte, nicht doch noch auf zu stehen und eine kleine Runde zu gehen. Zum Bäcker vielleicht und was für das Frühstück holen. Er hatte schon lange nicht mehr richtig gefrühstückt. Einfach in der Sonne sitzen und sich Zeit nehmen. Schlafen ging jetzt ohnehin nicht mehr. Das Licht sorgte ab jetzt dafür, dass er diese Art von Ruhe nicht mehr finden sollte. Wie viele Stunden genau, wusste er nicht. Drei hatte er schon mal geschafft, bevor er wieder eingeknickt war. Noch war es ein sanftes Licht, dass langsam vor sich hin pulsierte, in einer kaum merklichen Frequenz und Helligkeit.
Er hatte keine Ahnung wie lange er schon im Bett gelegen hatte. Sein Rücken fühlte sich wund an und seine Beine brauchten eine Weile um sich an das Stehen zu erinnern. Hunger hatte er schon seit Tagen nicht mehr. Die gelehrten und wieder gefüllten Wasserflaschen gaben ihm einen groben Überblick. Das zerwühlte Bett und der mittelgroße Haufen benutzter Taschentücher ergänzten das Gesamtbild. Mehr als das ließ er sich nicht durch den Kopf gehen. Das machte jetzt auch keinen Sinn mehr.
Er hatte sich in diesem Körper nur selten richtig wohl gefühlt und nun passte sein Spiegelbild auch dazu. Die Wangen waren eingefallen und die Haut sah aus wie graues Wachspapier. Der einzige Farbtupfer waren die roten Augen die mit den tiefen Augenringen fast schon bedrohlich aussahen. Der Rest seines Körpers reihte sich in den ersten Eindruck ein. Abgemagert, bleich und unwirklich war die Erscheinung. Er bekam einen Eindruck davon, wie er als alter Mann hätte aussehen können.Gar nicht so schlecht fand er und seine Tätowierungen sahen auf der blassen Haut auch sehr gut aus. Sein Rücken war nicht halb so schlimm wie gedacht und fühlte sich unter der Dusche an wie ein leichter Sonnenbrand. Mit der Sonne die durch das obere Badezimmerfenster auf ihn einfiel erinnerte er sich an die besseren Zeiten in der Sonne und den Geruch von Chlor in dem Freibad in seiner aktuellen Heimatstadt.

„Es wird Zeit.“
Die Stimme war tief und ruhig. Sie passte zu dem kantigen und eleganten Gesicht des Mannes der plötzlich neben der Badewanne stand. Er hielt ein wenig Abstand, damit kein Wasser auf seinen weißen Anzug spritzte. Hier fehlte eindeutig ein Duschvorhang.

„Wirklich? Ich stehe unter der Dusche. Die zehn Minuten hättest du auch noch haben können.“
Seine sarkastische Bemerkung schaffte es gerade so, seine Erleichterung zu verdecken. Er wartete schon seit er wach war auf ihn. Der elegante Mann im Anzug war auch schon wieder verschwunden und Peter hörte den Fernseher aus dem Wohnzimmer.

„Na wie geht’s dir?“
Menes saß mit einer Schüssel viel zu süßem Frückstückszeug auf dem Sofa und schaute gebannt auf den übergroßen Fernseher, der gerade eine Kindersendung zeigte.

„Eigentlich ganz gut. Das mit dem Krebs ist bald vorbei und ich bin frisch geduscht. Nur der seltsame Typ auf meinem Sofa nervt mich gewaltig.“
Menes grinste Peter mit vollem Mund an um zu zeigen wie unlustig er seinen Kommentar fand. Peter ging in die Küche und setzte sich Wasser für Tee auf. Nebenbei räumte er das auf was Menes liegen gelassen hatte und tauschte sein Handtuch gegen lange Pyjamahosen und ein Dinosaur Jr. T-Shirt getauscht. Es war das letzte T-Shirt das er sich gekauft hatte. Es war grau und zeigte das Mädchen vom Green Mind Albumcover. Sie war nicht älter als elf Jahre und lief mit einer Zigarette im Mund vorbei. Das Album war nicht Peters Lieblingsalbum, wenn er ehrlich war kannte er die meistens Songs davon kaum. Das Bild mochte er trotzdem sehr. Es erinnerte ihn an eine Kindheit die er mal hatte. Unschuldig und trotzdem cool.

„Es ist doch faszinierend was die Kinder heute zu sehen bekommen. Schau dir das mal an. Die Hauptfiguren in dieser Serie sind nicht in der Lage von A nach B zu denken und selbst die cleversten unter ihnen sind noch so oberflächlich, dass es weh tut. Hier geht es seit zehn Minuten darum, dass ein Edelstein verschwunden ist.Bevor auch nur einer auf die Idee kommt Fragen zu stellen, wird jeder Verdächtigt und beschuldigt und alle sind sauer aufeinander. Zum Schluss klärt sich alles auf und sie haben angeblich etwas gelernt. Nur um in der nächsten Folge wieder so dumm zu sein wie irgend möglich.“
Menes hatte sich die Milch und das Frühstückszeug aus der Küche geholt und füllte sich die nächste Schüssel.

„Dann schalt doch um.“
Sagte Peter genervt und setzte sich mit seinem Tee neben ihn.

„Es zu ignorieren hilft ja nicht und ich will schon sehen wie es sich aufklärt. Alles was sonst so kommt ist ja noch blöder. In der letzten Zeit mal die Nachrichten gesehen? Du kommst nicht mehr raus aus dem Lachen.“
Menes war ein eher simpel gestrickter Typ. Jedes mal wenn sie sich begegneten beschäftigte er sich mit Dingen die einem auch ganz leicht egal sein konnten. Heute waren es die Cartoons im Fernsehen, damals waren es die Essgewohnheiten der Bauern oder die Form der Backwaren im alten Jerusalem. Peter hatte sich schon seit langem damit abgefunden und ließ das Schauspiel, für das und nichts anderes hielt er es, an sich vorbei ziehen.

Das Licht machte sich nun ein wenig mehr bemerkbar. Wie eine Blume die man ein paar Tage aus den Augen gelassen hatte und die jetzt die erste Blüte zum Vorschein bringt, war das Licht ein wenig schneller und ein wenig heller geworden. Es war natürlich die ganze Zeit schneller geworden, nur wie bei der Blume die eben auch ständig wächst, merkt man das immer erst dann wenn man wieder einen Blick darauf wirft.

„Wollen wir das jetzt wirklich wieder durchspielen?“
Fragte Menes und stopfte sich seine vierte Schüssel Frühstückszeug in den Mund.

„Wollen tun wir das nicht, aber was soll ich machen. Du lässt ja nicht locker.“
Antwortete Peter und nippte an seinem Tee.

„Lass ich auch nicht. Also bringen wir es hinter uns und gut damit.“
Sagte Menes ein wenig genervt.

„Oder wir warten einfach ab bis es vorbei ist und ich diese Scheiße nicht mehr mitmachen muss.“
Sagte Peter, nippte an seinem Tee und hoffte, dass Menes nicht merkte wie nervös er war.

„Jetzt komm schon. Es kann doch nicht so schwer sein das zu machen, für was man vorgesehen ist. Gerade wenn man so ein Geschenk bekommen hat wie du.“
Menes regte sich ein bisschen auf ohne den Blick vom Fernseher zu lassen.

„Geschenk? Wohl eher ein Fluch.“
Sagte Peter und blieb ruhiger als er dachte.

„Du bist unsterblich. Ist das etwa kein Geschenk?“
Erwiderte Menes und schaute Peter an.

„Ich bin unendlich und nein das ist kein Geschenk.“
Sagte Peter und schaute zurück.

„Na gut, dann bist du eben unendlich. Das acht doch keinen Unterschied.“
Sagte Menes ein wenig genervter und schaute wieder auf den Fernseher.

„Der Unterschied? Der Unterschied? Ich erkläre dir den Unterschied. Unsterblich bedeutet ewig zu leben. Wenn es gut läuft noch ewige Jugend dazu. Ich hingegen sterbe und werde wieder geboren. Immer und immer und immer wieder. Das nervt. Das ist der Unterschied. Das Thema hatten wir übrigens schon.“
Jetzt regte sich Peter doch auf und ärgerte sich darüber. Er drückte sich zurück in die Couch und nippte wieder an seinem Tee.

„Ja natürlich hatten wir das Thema schon. Du hast die Schnauze voll. Warum auch immer. Ich erkläre dir, dass es keinen Sinn macht die Schnauze voll zu haben, du siehst ein, dass es keinen Sinn macht die Schnauze voll zu haben und dann läuft alles wieder so wie es sich gehört. Du benutzt das Licht, wirst wieder geboren und ich kann einen Haken unter die Sache machen.“
Menes war nicht wirklich aufgebracht. Er hatte einfach keine Lust auf diese Gespräche. Es war jetzt schon das dritte mal in Folge, dass Peter sich vorgenommen hatte das Licht nicht zu benutzen und einen richtigen Tod zu sterben.

„Ok es ist ganz einfach. Ich will nicht mehr. Ich will diese Leben nicht mehr. Ich will diese Wiedergeburten nicht mehr und ich will einfach das alles nicht mehr.“
Peter war es ernst damit, nur sah er gerade aus wie ein kleines Kind, dass später ins Bett gehen will. Zugegeben wie ein todkrankes kleines Kind. Das machte allerdings keinen Eindruck auf Menes. Der hatte nichts für dieses Thema übrig.

„Also gut, dann erkläre mir doch mal was daran so schlecht ist. Du hast ein Geschenk bekommen. Du hast den Beginn der Menschheit gesehen. Du wandelst auf dieser Welt, länger als jedes andere Wesen und du wirst länger auf dieser Welt sein als andere es sich zu träumen wagen. Wo ist dein Problem.“
Menes hatte seine Schüssel abgestellt und widmete Peter jetzt seine ganze Aufmerksamkeit.

„Was mein Problem ist? Mein Problem bin ich. Schau mich an. Ich bin so gewöhnlich wie es irgend geht. Ich bin nicht besonders klug. Ich habe keine Talente, keine besonderen Fähigkeiten und nichts was irgendwie besonders ist. Ich habe es bis jetzt nicht geschafft ein Instrument zu lernen. Die meisten meiner Körper sind von gut aussehend so weit weg wie eine Banane von einem Autoreifen. Alle großen Ereignisse der Geschichte sind komplett an mir vorbei gegangen. Als das Feuer gefunden wurde hab ich noch Jahre in einer kalten Höhle gehockt und rohe Biber gegessen. Als die Pyramiden gebaut wurden habe ich Zick Zack Muster in Keramikschalen geritzt. Von Jesus hab ich erfahren, da war er schon tausend Jahre tot. Beim dreißig jährigen Krieg war ich Reisbauer in China und überhaupt ist in meiner Nähe nie etwas passiert was irgendwen interessiert hätte. Ich könnte nicht mal Geschichtslehrer werden so weit ging das alles an mir vorbei.“
Peter regte sich auf und wieder ab. Er ärgerte sich wieder über sich, nahm noch einen Schluck Tee und schaute auf den Fernseher. Jetzt passierte erst mal nichts. Menes hatte sich angehört was Peter zu sagen hatte und so wie er es immer tat, schwieg er. Peter fand das unmöglich und hatte sich schon auf die verschiedensten Arten gegen dieses Schweigen zur Wehr gesetzt. Er hatte geredet, geschrien und wild um sich geschlagen. Das brachte natürlich nichts und so hatte er sich in den letzten Monaten versprochen, diesmal einfach nichts zu machen und genauso zu schweigen. Er war schon ein bisschen stolz auf sich, wie er da so saß und nichts sagte.