Die Sonne machte sich durch die
schmalen Schlitze der Jalousien bemerkbar und es sollte wieder ein
schöner Sommertag werden. Er überlegte, nicht doch noch auf zu
stehen und eine kleine Runde zu gehen. Zum Bäcker vielleicht und was
für das Frühstück holen. Er hatte schon lange nicht mehr richtig
gefrühstückt. Einfach in der Sonne sitzen und sich Zeit nehmen.
Schlafen ging jetzt ohnehin nicht mehr. Das Licht sorgte ab jetzt
dafür, dass er diese Art von Ruhe nicht mehr finden sollte. Wie
viele Stunden genau, wusste er nicht. Drei hatte er schon mal
geschafft, bevor er wieder eingeknickt war. Noch war es ein sanftes
Licht, dass langsam vor sich hin pulsierte, in einer kaum merklichen
Frequenz und Helligkeit.
Er hatte keine Ahnung wie lange er
schon im Bett gelegen hatte. Sein Rücken fühlte sich wund an und
seine Beine brauchten eine Weile um sich an das Stehen zu erinnern.
Hunger hatte er schon seit Tagen nicht mehr. Die gelehrten und wieder
gefüllten Wasserflaschen gaben ihm einen groben Überblick. Das
zerwühlte Bett und der mittelgroße Haufen benutzter Taschentücher
ergänzten das Gesamtbild. Mehr als das ließ er sich nicht durch den
Kopf gehen. Das machte jetzt auch keinen Sinn mehr.
Er hatte sich in diesem Körper nur
selten richtig wohl gefühlt und nun passte sein Spiegelbild auch
dazu. Die Wangen waren eingefallen und die Haut sah aus wie graues
Wachspapier. Der einzige Farbtupfer waren die roten Augen die mit den
tiefen Augenringen fast schon bedrohlich aussahen. Der Rest seines
Körpers reihte sich in den ersten Eindruck ein. Abgemagert, bleich
und unwirklich war die Erscheinung. Er bekam einen Eindruck davon,
wie er als alter Mann hätte aussehen können.Gar nicht so schlecht
fand er und seine Tätowierungen sahen auf der blassen Haut auch sehr
gut aus. Sein Rücken war nicht halb so schlimm wie gedacht und
fühlte sich unter der Dusche an wie ein leichter Sonnenbrand. Mit
der Sonne die durch das obere Badezimmerfenster auf ihn einfiel
erinnerte er sich an die besseren Zeiten in der Sonne und den Geruch
von Chlor in dem Freibad in seiner aktuellen Heimatstadt.
„Es wird Zeit.“
Die Stimme war tief und ruhig. Sie
passte zu dem kantigen und eleganten Gesicht des Mannes der plötzlich
neben der Badewanne stand. Er hielt ein wenig Abstand, damit kein
Wasser auf seinen weißen Anzug spritzte. Hier fehlte eindeutig ein
Duschvorhang.
„Wirklich? Ich stehe unter der
Dusche. Die zehn Minuten hättest du auch noch haben können.“
Seine sarkastische Bemerkung schaffte
es gerade so, seine Erleichterung zu verdecken. Er wartete schon seit
er wach war auf ihn. Der elegante Mann im Anzug war auch schon wieder
verschwunden und Peter hörte den Fernseher aus dem Wohnzimmer.
„Na wie geht’s dir?“
Menes saß mit einer Schüssel viel zu
süßem Frückstückszeug auf dem Sofa und schaute gebannt auf den
übergroßen Fernseher, der gerade eine Kindersendung zeigte.
„Eigentlich ganz gut. Das mit dem
Krebs ist bald vorbei und ich bin frisch geduscht. Nur der seltsame
Typ auf meinem Sofa nervt mich gewaltig.“
Menes grinste Peter mit vollem Mund an
um zu zeigen wie unlustig er seinen Kommentar fand. Peter ging in die
Küche und setzte sich Wasser für Tee auf. Nebenbei räumte er das
auf was Menes liegen gelassen hatte und tauschte sein Handtuch gegen
lange Pyjamahosen und ein Dinosaur Jr. T-Shirt getauscht. Es war das
letzte T-Shirt das er sich gekauft hatte. Es war grau und zeigte das
Mädchen vom Green Mind Albumcover. Sie war nicht älter als elf
Jahre und lief mit einer Zigarette im Mund vorbei. Das Album war
nicht Peters Lieblingsalbum, wenn er ehrlich war kannte er die
meistens Songs davon kaum. Das Bild mochte er trotzdem sehr. Es
erinnerte ihn an eine Kindheit die er mal hatte. Unschuldig und
trotzdem cool.
„Es ist doch faszinierend was die
Kinder heute zu sehen bekommen. Schau dir das mal an. Die
Hauptfiguren in dieser Serie sind nicht in der Lage von A nach B zu
denken und selbst die cleversten unter ihnen sind noch so
oberflächlich, dass es weh tut. Hier geht es seit zehn Minuten
darum, dass ein Edelstein verschwunden ist.Bevor auch nur einer auf
die Idee kommt Fragen zu stellen, wird jeder Verdächtigt und
beschuldigt und alle sind sauer aufeinander. Zum Schluss klärt sich
alles auf und sie haben angeblich etwas gelernt. Nur um in der
nächsten Folge wieder so dumm zu sein wie irgend möglich.“
Menes hatte sich die Milch und das
Frühstückszeug aus der Küche geholt und füllte sich die nächste
Schüssel.
„Dann schalt doch um.“
Sagte Peter genervt und setzte sich mit
seinem Tee neben ihn.
„Es zu ignorieren hilft ja nicht und
ich will schon sehen wie es sich aufklärt. Alles was sonst so kommt
ist ja noch blöder. In der letzten Zeit mal die Nachrichten gesehen?
Du kommst nicht mehr raus aus dem Lachen.“
Menes war ein eher simpel gestrickter
Typ. Jedes mal wenn sie sich begegneten beschäftigte er sich mit
Dingen die einem auch ganz leicht egal sein konnten. Heute waren es
die Cartoons im Fernsehen, damals waren es die Essgewohnheiten der
Bauern oder die Form der Backwaren im alten Jerusalem. Peter hatte
sich schon seit langem damit abgefunden und ließ das Schauspiel, für
das und nichts anderes hielt er es, an sich vorbei ziehen.
Das Licht machte sich nun ein wenig
mehr bemerkbar. Wie eine Blume die man ein paar Tage aus den Augen
gelassen hatte und die jetzt die erste Blüte zum Vorschein bringt,
war das Licht ein wenig schneller und ein wenig heller geworden. Es
war natürlich die ganze Zeit schneller geworden, nur wie bei der
Blume die eben auch ständig wächst, merkt man das immer erst dann
wenn man wieder einen Blick darauf wirft.
„Wollen wir das jetzt wirklich wieder
durchspielen?“
Fragte Menes und stopfte sich seine
vierte Schüssel Frühstückszeug in den Mund.
„Wollen tun wir das nicht, aber was
soll ich machen. Du lässt ja nicht locker.“
Antwortete Peter und nippte an seinem
Tee.
„Lass ich auch nicht. Also bringen
wir es hinter uns und gut damit.“
Sagte Menes ein wenig genervt.
„Oder wir warten einfach ab bis es
vorbei ist und ich diese Scheiße nicht mehr mitmachen muss.“
Sagte Peter, nippte an seinem Tee und
hoffte, dass Menes nicht merkte wie nervös er war.
„Jetzt komm schon. Es kann doch nicht
so schwer sein das zu machen, für was man vorgesehen ist. Gerade
wenn man so ein Geschenk bekommen hat wie du.“
Menes regte sich ein bisschen auf ohne
den Blick vom Fernseher zu lassen.
„Geschenk? Wohl eher ein Fluch.“
Sagte Peter und blieb ruhiger als er
dachte.
„Du bist unsterblich. Ist das etwa
kein Geschenk?“
Erwiderte Menes und schaute Peter an.
„Ich bin unendlich und nein das ist
kein Geschenk.“
Sagte Peter und schaute zurück.
„Na gut, dann bist du eben unendlich.
Das acht doch keinen Unterschied.“
Sagte Menes ein wenig genervter und
schaute wieder auf den Fernseher.
„Der Unterschied? Der Unterschied?
Ich erkläre dir den Unterschied. Unsterblich bedeutet ewig zu leben.
Wenn es gut läuft noch ewige Jugend dazu. Ich hingegen sterbe und
werde wieder geboren. Immer und immer und immer wieder. Das nervt.
Das ist der Unterschied. Das Thema hatten wir übrigens schon.“
Jetzt regte sich Peter doch auf und
ärgerte sich darüber. Er drückte sich zurück in die Couch und
nippte wieder an seinem Tee.
„Ja natürlich hatten wir das Thema
schon. Du hast die Schnauze voll. Warum auch immer. Ich erkläre dir,
dass es keinen Sinn macht die Schnauze voll zu haben, du siehst ein,
dass es keinen Sinn macht die Schnauze voll zu haben und dann läuft
alles wieder so wie es sich gehört. Du benutzt das Licht, wirst
wieder geboren und ich kann einen Haken unter die Sache machen.“
Menes war nicht wirklich aufgebracht.
Er hatte einfach keine Lust auf diese Gespräche. Es war jetzt schon
das dritte mal in Folge, dass Peter sich vorgenommen hatte das Licht
nicht zu benutzen und einen richtigen Tod zu sterben.
„Ok es ist ganz einfach. Ich will
nicht mehr. Ich will diese Leben nicht mehr. Ich will diese
Wiedergeburten nicht mehr und ich will einfach das alles nicht mehr.“
Peter war es ernst damit, nur sah er
gerade aus wie ein kleines Kind, dass später ins Bett gehen will.
Zugegeben wie ein todkrankes kleines Kind. Das machte allerdings
keinen Eindruck auf Menes. Der hatte nichts für dieses Thema übrig.
„Also gut, dann erkläre mir doch mal
was daran so schlecht ist. Du hast ein Geschenk bekommen. Du hast den
Beginn der Menschheit gesehen. Du wandelst auf dieser Welt, länger
als jedes andere Wesen und du wirst länger auf dieser Welt sein als
andere es sich zu träumen wagen. Wo ist dein Problem.“
Menes hatte seine Schüssel abgestellt
und widmete Peter jetzt seine ganze Aufmerksamkeit.
„Was mein Problem ist? Mein Problem
bin ich. Schau mich an. Ich bin so gewöhnlich wie es irgend geht.
Ich bin nicht besonders klug. Ich habe keine Talente, keine
besonderen Fähigkeiten und nichts was irgendwie besonders ist. Ich
habe es bis jetzt nicht geschafft ein Instrument zu lernen. Die
meisten meiner Körper sind von gut aussehend so weit weg wie eine
Banane von einem Autoreifen. Alle großen Ereignisse der Geschichte
sind komplett an mir vorbei gegangen. Als das Feuer gefunden wurde
hab ich noch Jahre in einer kalten Höhle gehockt und rohe Biber
gegessen. Als die Pyramiden gebaut wurden habe ich Zick Zack Muster
in Keramikschalen geritzt. Von Jesus hab ich erfahren, da war er
schon tausend Jahre tot. Beim dreißig jährigen Krieg war ich
Reisbauer in China und überhaupt ist in meiner Nähe nie etwas
passiert was irgendwen interessiert hätte. Ich könnte nicht mal
Geschichtslehrer werden so weit ging das alles an mir vorbei.“
Peter regte sich auf und wieder ab. Er
ärgerte sich wieder über sich, nahm noch einen Schluck Tee und
schaute auf den Fernseher. Jetzt passierte erst mal nichts. Menes
hatte sich angehört was Peter zu sagen hatte und so wie er es immer
tat, schwieg er. Peter fand das unmöglich und hatte sich schon auf
die verschiedensten Arten gegen dieses Schweigen zur Wehr gesetzt. Er
hatte geredet, geschrien und wild um sich geschlagen. Das brachte
natürlich nichts und so hatte er sich in den letzten Monaten
versprochen, diesmal einfach nichts zu machen und genauso zu
schweigen. Er war schon ein bisschen stolz auf sich, wie er da so saß
und nichts sagte.