Donnerstag, 6. Februar 2014

Peter Die Geschichte beginnt

Mit Jahreswechseln konnte Peter noch nie etwas anfangen. Als Kind war er immer schon eingeschlafen wenn das Feuerwerk am Himmel tobte und später war es auch nur einer der Tage an dem er sich mal wieder besonders weit weg von den Anderen vorkam. Als er sich dann in dem Leben versteckt hatte, das er jetzt hinter sich ließ, war der Silvesterabend nur ein Grund sich mit Bier und Sekt den Abend kurz zu halten. Davon wollt er jetzt nichts mehr wissen und fühlte sich bereit für einen nächsten Schritt. Zu Weihnachten hatte er sich einen Wunsch erfüllt und sich eine wirklich gute und wirklich teure Kamera gekauft. Bis zum heutigen Abend hatte er sich nur in seiner Wohnung damit beschäftigt und so ziemlich jede Ecke im Namen der Kunst abgelichtet. Das war ein paar hundert Bilder lang auch ganz spannend nur musste er sich früher oder später nach draußen wagen. Und kein Tag war dazu besser geeignet als der Silvesterabend. Da kann man in der Masse verschwinden und fällt trotz Kamera nicht auf.
Gegen acht machte er sich etwas zu essen und setzte sich vor den Computer. Er verschickte schon mal Grüße und Glückwünsche alle die jetzt seine Freundesliste füllten, schaute noch irgendwelchen lustigen Internetseiten vorbei und freute sich über die ersten Antworten auf seine Glückwünsche.
Auch wenn er sich noch gegen eine Party sträubte, war dieses Silvester schon mal weniger einsam als eigentlich alle zuvor. Einladungen hatte es gegeben und das hätte ihm sicherlich auch Spaß gemacht, doch er wollte sich so weit von seinem alten Leben wie nur irgend möglich entfernen, auch wenn er das nur tat um sich selber etwas zu beweisen. So lange er mit dem Ergebnis zufrieden sein würde, war der Abend ein Erfolg.
Gegen 22:00 Uhr hatte er sich eine alte Platte von Tomte aufgelegt und saß in der Küche auf dem Schrank neben dem Fenster wo sonst das Geschirr zum Trocknen stand. Im Haus war es ruhig und auch die junge Nachbarin von gegenüber war wohl nicht zuhause. Das war ihm auch ganz recht, da er sich nicht danach fühlte, fröhlichen Small Talk mit irgendwem zu teilen.
Er ließ die Platte die nächsten zwei  Stunden immer wieder durchlaufen und wünschte sich Erinnerungen die er damit hätte verbinden können. Doch die gab es nicht. Und wenn dann nur daran wie er diese Platte gehört hatte. Nichts mit Erlebnissen oder Freunden die das teilten.
Zwischendurch schaute er immer wieder in den Kühlschrank und kostete sich vom Schinken zu den Shrimps und zurück. Mit Hunger hatte das nichts zu tun, er musste sich nur irgendeine Befriedigung verschaffen und die Zeit vergeht auch ein wenig schneller, wenn man sich nicht entscheiden kann was man als nächstes essen möchte. Er beschäftigte sich einfach um nicht in eine Laun zu fallen, die ihm den Abend noch verderben könnte. Immer wieder kontrollierte er seine Kamera und mit jeder Minute wurde dieser Abend ein kleines Stück größer
Fünf Minuten vor dem großen Moment stand er auf der Straße. Er hatte sich zwar vorher überlegt welche Richtung er nehmen würde und wo er seine Fotos machen wollte, doch jetzt kam ihm seine ganze Planung sehr unsinnig vor und er lief einfach da lang, wo er auch zur Arbeit ging. Dass er schon nach einer halben Stunde wieder in seiner Wohnung verschwand, würde er einfach auf die Kälte schieben und Feuerwerk war dann auch gar nicht so toll.
Musik machte er keine mehr an und die Bilder konnten auch bis zum nächsten Tag warten. Peter putzte sich noch die Zähne, vermied es aber sich zu oft im Spiegel zu begegnen. Es war ungefähr um eins als er im Bett lag und sich in ein Buch vergraben wollte. Der Abend wollte sich jedoch nicht so leicht abschütteln lassen. Enttäuschung mischte sich mit Zufriedenheit. Zufrieden mit dem Abend der als Ende einer Zeit gelungen war die er hinter sich lassen wollte und enttäuscht weil noch nicht dort war wo er sich vor einer Stunde noch gesehen hatte.
Die letzten Jahre im Blick entschied er sich zum Schluss dafür einen guten Start ins neue Jahr gehabt zu haben und nahm sich vor, den nächsten Morgen zu seinem zu machen und die einsamen Straßen als Motiv zu nutzen.

Die Kinder saßen auf dem Boden und schauten gespannt zu der jungen Frau die vor Ihnen auf dem Stuhl saß mit dem Buch auf dem Schoß. Es war Vorlesezeit im Kindergarten und das mochten alle Kinder gerne. Sie machte wieder eine Pause um zu lesen, was sie gleich laut wiederholen würde.
"Der Mann im Mond beugte sich zu Olaf herunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Was er ihm gesagt hatte ist das Geheimnis der Beiden und wir können nur raten was der Mann im Mond gesagt hat. Ich bin mir aber sicher, dass es ein gutes Geheimnis war, denn Olaf wischte sich seine Tränen aus dem Gesicht und lächelte ...     Der blöde Peter hört gar nicht richtig zu."

Unterbrach ein Kinderstimme die junge Frau in ihrer Geschichte.
"Der sitzt nur da guckt ganz blöd aus dem Fenster."

Alle Augen waren jetzt auf Peter Peter gerichtet der ein wenig abseits saß und mit den Augen draußen im Regen war. Er wusste schon was jetzt kommen würde.
"Das ist unhöflich und das macht man nicht. Sie geben sich so viel Mühe junge Frau und der blöde Peter guckt nur aus dem Fenster."

Der Junge der jetzt im Raum stand war gut eine Kopf größer als die anderen Kinder und auch sehr kräftig gebaut für sein Alter. Er trug eine rote Latzhose mit einer gelben Ente vorne drauf, weiße Turnschuhe und einen grünen Pullover. Das gab ihm noch mal ein Signalwirkung. Sein Gesicht passte ganz gut zu seiner Statur, war eher flach gehalten und kündete schon jetzt davon, dass seine Zukunft wohl eher nicht in einer akademischen Richtung stattfinden würde. Seine Nase hatte schon länger kein Taschentuch mehr gesehen und um sein Kinn bildete sich schon der Schatten eines drei Tage Bartes.
Sein Arm ragte in Richtung von Peter und sein Finger verkrampfte beinahe bei dem Versuch noch stärker auf ihn zu zeigen.

"Also Peter, rechtfertige dich."

Die junge Frau auf dem Stuhl hatte das Buch geschlossen und stützte sich mit den Unterarmen darauf um klar zu machen, dass hier jetzt ein anderes Thema besprochen wurde und dieses Thema  auch dafür verantwortlich dafür war, dass dieses Buch auch nicht mehr aufgeschlagen wurde.

"Ich möchte jetzt von dir hören warum du es nicht nötig hast, wie die anderen Kinder der Geschichte zuzuhören und uns damit allen den Spaß verdirbst?"

Peter atmete tief ein und schaute aus dem Fenster. Er hatte sich die Geschichte sehr wohl angehört, nur eben auf seine Art und was hier passierte war einfach nicht Fair.
"Ich warte junger Mann. Wie möchtest du uns dein Verhalten erklären?"

Peter stand auf und blickte in Richtung der jungen Frau um sich eine Entschuldigung abzuringen.
"Ich bin fünf Jahre alt, ich erkläre hier erst mal gar nichts. Ich habe der Geschichte sehr wohl zugehört nur ist es für mich doch recht müßig sie während ihrer ständigen Pausen zu beobachten. Da hab ich mich eben dafür entschieden mir mit der Aussicht aus dem Fenster, die Zeit zu vertreiben. Wie gesagt, ich bin fünf, da ist das ein durchaus vertretbares Verhalten. Und nun zu dir."

Er drehte sich zu dem Jungen in der roten Latzhose, der noch immer auf ihn zeigte.
"Ich denke mal du kannst nicht anders, aber versuch einfach mal nicht anderen auf die Nerven zu gehen, das kann helfen."

Peter drehte sich einmal um zu der jungen Frau.
"Ich möchte Ihnen noch zwei Dinge mit auf den Weg geben. Erstens, bitte suchen sie sich einen neuen Job ganz ohne Menschen. Zweitens, habe ich nach wirklich reiflicher Überlegung festgestellt, ich mag sie nicht, was aber viel gravierender ist, es macht keinen Unterschied."

Peter musste sich erst mal sammeln und schaute auf die Uhr, noch drei Stunden bis die Sonne auf geht. Er hatte diesen Traum schon eine Weile nicht mehr geträumt und so eigentlich noch nie. Mit einem breiten Grinsen schlief er wieder ein.

"Ja, die war auch scheiße."

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