„Weißt du was Peter. Es gab mal
diesen Jungen. Der lebte in einem kleinen Bergdorf. Es waren nicht
viele Einwohner, alle kannten sich und es war sehr friedlich. Jeden
Morgen führte der Junge die Kühe auf die Weide. Dort konnten die
Tiere von dem saftigen Gras essen bis sie satt wahren, sie konnten
das Wasser vom Bach trinken und sie konnten in der Sonne liegen. Der
Junge musste nichts weiter tun, als daneben zu sitzen und die Kühe
beisammen zu halten. Wenn ab und zu mal eines der Tiere auf
Wanderschaft gehen wollte, lief der Junge hinterher und trieb es mit
seiner Rute zurück zu der Herde. Wie Jungs nun mal sind, wurde ihm
das irgendwann zu langweilig. Tag ein Tag aus im Gras liegen und die
Kühe zu bewachen, kam ihm so klein vor und die Welt um ihn herum so
groß. Eines Tages beschloss er selber auf Wanderschaft zu gehen. Er
brachte die Kühe auf die Weide und machte sich auf den Weg in die
Berge.“
Peter schüttelte gelangweilt den Kopf.
Er hatte keine Lust auf eine Geschichte und diese schon gar nicht.
„Lass mich doch erzählen.“
Sagte Menes.
„Die Geschichte passt ganz gut zu
dir.“
Fügte er noch hinzu und wollte weiter
reden. Peter kürzte das Ganze ab.
„Na klar passt sie zu mir. Es ist ja
auch meine Geschichte. Ich war der Junge. Und ich ging den Berg
hinauf, der eigentlich eher ein Hügel war und sah nichts. Es war
nichts zu entdecken außer einer anderen Wiese, in einem anderem Tal.
Als ich wieder zurück kam, war eine der Kühe verschwunden und mein
Vater hat mich halb tot geprügelt. Was soll das?“
Peter regte sich zurecht auf wie er
fand. Warum erzählte Menes ihm auch sein eigenes Leben. Oder besser
gesagt, eines davon.
„Ja es geht auch nicht um die
Geschichte. Es geht um das was du zu sehen bekamst. Es war nämlich
nichts da. Nichts was auch nur annähernd die Prügel gelohnt hätte.
Das ist es was ich dir sagen wollte.“
Menes war ein wenig beleidigt, weil er
seine Geschichte und damit seinen zurecht gelegten Dialog nicht zu
ende bringen konnte. Er fand sich gut, wenn er die Kontrolle hatte.
Wenn er es schaffte seinen Gegenüber zu manipulieren ohne, dass er
es merkte. Peter wollte nicht manipuliert werden.
„Es war auch sonst nichts da, was
irgendwas gelohnt hätte. Ich bin ein Jahr später an einer Erkältung
gestorben. Ich bin gerade 13 Jahre alt geworden und schon war mein
Leben vorbei. Übrigens nicht das einzige mal, dass ich viel zu jung
gestorben bin. Weißt du noch die eine Woche in der ich vier mal
geboren wurde. Vier mal, verstehst du. Das macht doch keinen Sinn.“
Ein gutes Argument wie Peter fand.
„Lungenentzündung.“
Sagte Menes kleinlaut.
„Was?“
Fragte Peter laut.
„Du bist an einer Lungenentzündung
gestorben. An einer Erkältung stirbt man nicht.“
Sagte Menes und sah auch aus wie jemand
der Recht haben wollte ob es nun Sinn macht oder nicht.
„Von mir aus. Dann eben eine
Lungenentzündung.“
Peter stand auf und versuchte sich
nicht am Licht zu stören, dass jetzt immer aufdringlicher wurde.
Viel mehr machte ihm seine Gesundheit zu schaffen. Die war ja schon
so gut wie verschwunden und machte einem Gefühl von Ende Platz.
Er ging in die Küche um sich einen
Cocktail aus Schmerzmitteln zu gönnen. Dort wartete schon Menes auf
ihn.
„Wer sagt mir eigentlich, dass du
nicht der Rest eines Traumas bist, dass ich mir in einem meiner Leben
geholt habe? Kann ja gut sein, dass ich einfach nur komplett durch
bin und du nur eine Nebenwirkung meiner Umstände bist.“
Peter schluckte die Hand voll Tabletten
mit einem mal runter und wartete selbstsicher auf eine Antwort. Menes
hatte nicht vor darauf zu reagieren. Ihm war es zu blöd schon wieder
für eine Psychose gehalten zu werden. Das hatten sie nun oft genug
durchgekaut.
„Oder du bist womöglich gar nicht
der Gute hier. Du hältst mich von meinem eigentlichen Ziel ab in dem
ich das mache was du sagst und das Licht benutze. Kann es sein, dass
ich ein ganz anderes Schicksal zu erfüllen habe? Du als Bote der
dunklen Seite. Kann ich mir sehr gut vorstellen.
Menes war einfach nur genervt von
solchen Vorwürfen und zeigte das auch. Er seufzte genervt und ging
wieder in das Wohnzimmer, wo er sich vor den Fernseher setzte.
„Weißt du was. Es nervt wirklich
langsam. Klar sind deine Leben nicht die spannendsten oder
abenteuerlichsten. Das kannst du mir aber nicht vorwerfen. Ich mache
deine Leben doch nicht. Und so weit ich weiß auch kein anderer. Von
uns bekommst du nur die Grundlage. Was du daraus machst ist alleine
deine Sache.“
Menes bekam keine Antwort.
„Natürlich gibt es andere Menschen
die schon von Geburt an Glück haben. Die sind dann reich oder
talentiert und im schlimmsten Fall sind sie beides. Da kann man schon
neidisch werden. Es gibt aber auch ganz viele die haben nur eins von
beiden und sind sonst echt arme Schweine. Ich könnte dir da
Geschichten erzählen. Wenn du denkst, dass der beste Maler der Welt
in einem schönen Haus am Meer lebt, dann hast du dich geschnitten.
Manuel geht es gar nicht gut. Der weiß nicht was er morgen essen
soll.“
Peter schwieg weiter. Er hatte es gar
nicht nötig zu antworten, was Menes langsam wütend werden ließ. Er
konnte ihn doch nicht einfach so ignorieren. Das war nicht Teil des
Spiels. Klar, er darf seine Meinung haben und auch mal dagegen sein.
Doch zum Schluss ist es doch immer das Gleiche.
„Du solltest nicht so undankbar sein.
Es gibt eine Menge Leute die dich beneiden.“
Es gab auch eine Menge Leute, die das
Ganze für eine blöde Idee hielten und lieber früher als später
beenden wollten.
„Es gibt auch eine Menge Leute die
mich nicht beneiden.“
Im Moment beneidete Menes sich auch
nicht besonders. Er hatte einfach keine Lust sich jetzt mit Peter
herumzustreiten.
„Jetzt komm langsam mal wieder klar
und ...“
Das letzte was Menes sagte, war ein
sehr altes Schimpfwort. Es ging allerdings in einer kurzen
Schnappatmung unter die sich ihm aufdrängte als er Peter in der
Küche liegen sah. Der war schon seit ein paar Minuten tot und lag
dort herum, als würde ihn das alle nichts mehr angehen.
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