Montag, 27. Mai 2013

Laufen



Laufen ist ein Trendsport, das wird uns jedes Jahr auf Neue erklärt und so getan, als wäre das ein Geheimnis was es zu lüften galt. Jeder kann es machen, jeder kann es gut finden  und wenn ich mich so umschaue ist das auch wirklich so. Überall wo ich meine Blicke fallen lasse, sehe ich Menschen in seltsamen Klamotten die sich schwitzend durch die Gegend schleppen. Dicke, Dünne, Alte, Junge, Männchen und Weibchen mit und ohne Hund in Rudeln oder alleine. Da ich schon immer anfällig für optische Reize war, war es natürlich nur eine Frage der Zeit bis ich mich selber in Jogginghose und Laufjacke drängelte um meine Füße flott voreinander zu werfen.

Bevor ich aber, durch die Gegend lief ohne verfolgt zu werden gab es noch einiges zu tun. Laufkleidung musste besorgt werden und die sollte nicht nur nicht ganz so doof aussehen, ich werde nie, ich betone nie, Leggings tragen. Sie sollte auch noch Wetterabweisend, Schweißfest und tragbar sein. Nachdem das erledigt war, musste ich mich natürlich noch mit all den Informationen versorgen die ich zu beachten hatte, um nicht gleich in den Tod zu laufen. Arme und Oberkörper kamen nicht einfach nur mit, ihnen wurden ganz wichtige Rollen zugetan und auch die Pulsfrequenz und das Schwitzen wurden hier unter den direkten Befehl des Läufers gestellt.  Interessiert nahm ich alle Informationen in mich auf und beschloss sie zu ignorieren.

Etwa drei Wochen später war es dann so weit. Ich machte das was man eigentlich immer macht, nur hab ich mich dafür umgezogen und ich wollte es sportlich machen. Ich lief also los. Natürlich nicht ohne meine neue App einzuschalten, die mir nach dem Laufen sagt, dass ich gelaufen bin und das auch mit meinen Freunden auf facebook teilt.
Schon die ersten Schritte kommen von ganz allein aus meinen Beinen und ich fühle die Straße, wie sie davon fliegt unter meinen Turnschuhen, die meinen Körper locker leicht über den Asphalt tragen. Dann auf in den Wald wo ich eins werden kann mit der Natur und das Sein als Mensch wieder neu begreifen lerne. Werbung ist was Tolles nur dauert die nicht lange und auch bei mir stellt sich schon nach kurzer Zeit ein ganz anderes Gefühl ein. Meine Beine haben auf den letzten Metern die Entscheidung getroffen die Erdanziehungskraft ernster zu nehmen als mir lieb ist und meine Lunge macht mir klar, was sie davon hält, wenn man immer wieder Zigaretten in sie rein raucht.

Obwohl keiner weiß, wann ich meine Tortur gestartet habe, wäre es mir doch peinlich wenn ich jetzt gleich wieder zurückschlurfe und mich damit meinem eigenen Körper geschlagen gebe. Ich beschließe also durchzuhalten und wenigstens eine Runde durch den Park zu schaffen ohne zu wissen wo die eigentlich lang geht.

Die Schritte fühlen sich an wie Haue und mein Körper kann mich nicht mehr leiden. Das lässt er mich auch spüren und ich schmecke abwechselnd Blut, Magensäure und meine Füße. Der Schweiß gönnt sich auch keine Auszeit und tropft mir fröhlich durchs Gesicht. Meine gefühlte Temperatur liegt bei der eines Kuchens der aus dem Ofen kommt und die Blicke der anderen Jogger machen mir klar, dass man das auch sieht. Signalrot ist wohl noch untertrieben.
Nach einer Weile komme ich an eine Biegung und habe eine Ahnung von dem was ich als Orientierung bezeichne. Wenn man das Ziel zwar noch nicht sieht, aber schon mal weiß, dass es eins gibt dann macht es die Aufgabe zumindest erträglicher.

Lange gerade Strecken sind der größte Feind der Motivation und als ich die doch hinter mir habe, geht es wieder in den Wald. Da gibt es Schatten und weichen Boden auf den man Fallen kann und sich der Verwesung hingibt. Das wird mit jedem Schritt zu einer immer angenehmeren Alternative und ich kann schon gar nicht mehr nachvollziehen warum ich eigentlich weiterlaufe.

Die Schritte fühle ich schon nicht mehr, die Punkte vor meinen Augen bilden lustige Muster und eigentlich warte ich nur noch auf den Geschmack von Kupfer im Mund und das Kribbeln im rechten Arm. Ich verspreche mir, wenn ich das überlebe ein ernstes Gespräch mit mir zu führen und das mit dem Laufen noch mal grundsätzlich zu überdenken.

Wie aus dem Nichts taucht er dann aber doch auf. Der Punkt der mir sagt, Runde vorbei du hast es hinter Dir. Ich rapple mich noch einmal auf und verdiene einen Oscar für die Darstellung eines lebenden Menschen den ich auf den letzten Metern meiner Umwelt vorspiele. Dann hab ich es geschafft und mein Schritt wechselt von Laufen zu Gehen und ich kann mich an den Früchten meiner Arbeit laben. Ich hole meine Smartphone aus der Tasche und will mich an den Kilometern ergötzen die ich gerade hinter mich gebracht habe, damit ich einen Beweis für meinen Schweiß in Händen halten kann. 1,92 km. Wenn ich die Kraft hätte würde ich das blöde Ding wegwerfen. 1,92 km sind der Weg zum Aldi und zurück. Das laufe ich in der Wohnung rum wenn ich sauber mache.  1,92 km und ich sehe aus, als hätte ich einen Marathon mit Rucksack hinter mich gebracht.
Ich zweifle abwechselnd an mir und an der modernen Technik und mache mich auf den Weg nach Hause. Dort gehe ich duschen und packe mich auf die Couch, wo ich irgendwann vor Erschöpfung einschlafe.

Und dann weiß ich was die Leute meinen, wenn sie sagen, dass man sich nach dem Laufen viel besser fühlt. Klar fühl ich mich besser wenn etwas vorbei ist, was keinen Spaß macht. Das ist als würde einer sagen „Elektroschocks sind cool, danach fühlst du dich viel besser.“  Abgeschlossen hab ich mit der Sache allerdings noch nicht. Denn Trottel wie ich nun mal bin, hab ich mich für den Firmenlauf in Leipzig angemeldet, aber wenn man da nach 5 Kilometern ins Ziel kommt, kriegt man einen Kaffeebecher geschenkt.

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