Laufen ist ein Trendsport, das wird uns jedes Jahr auf
Neue erklärt und so getan, als wäre das ein Geheimnis was es zu lüften galt.
Jeder kann es machen, jeder kann es gut finden
und wenn ich mich so umschaue ist das auch wirklich so. Überall wo ich
meine Blicke fallen lasse, sehe ich Menschen in seltsamen Klamotten die sich
schwitzend durch die Gegend schleppen. Dicke, Dünne, Alte, Junge, Männchen und
Weibchen mit und ohne Hund in Rudeln oder alleine. Da ich schon immer anfällig
für optische Reize war, war es natürlich nur eine Frage der Zeit bis ich mich
selber in Jogginghose und Laufjacke drängelte um meine Füße flott voreinander
zu werfen.
Bevor ich aber, durch die Gegend lief ohne verfolgt zu
werden gab es noch einiges zu tun. Laufkleidung musste besorgt werden und die
sollte nicht nur nicht ganz so doof aussehen, ich werde nie, ich betone nie,
Leggings tragen. Sie sollte auch noch Wetterabweisend, Schweißfest und tragbar
sein. Nachdem das erledigt war, musste ich mich natürlich noch mit all den
Informationen versorgen die ich zu beachten hatte, um nicht gleich in den Tod
zu laufen. Arme und Oberkörper kamen nicht einfach nur mit, ihnen wurden ganz
wichtige Rollen zugetan und auch die Pulsfrequenz und das Schwitzen wurden hier
unter den direkten Befehl des Läufers gestellt. Interessiert nahm ich alle Informationen in
mich auf und beschloss sie zu ignorieren.
Etwa drei Wochen später war es dann so weit. Ich machte
das was man eigentlich immer macht, nur hab ich mich dafür umgezogen und ich
wollte es sportlich machen. Ich lief also los. Natürlich nicht ohne meine neue
App einzuschalten, die mir nach dem Laufen sagt, dass ich gelaufen bin und das
auch mit meinen Freunden auf facebook teilt.
Schon die ersten Schritte kommen von ganz allein aus
meinen Beinen und ich fühle die Straße, wie sie davon fliegt unter meinen
Turnschuhen, die meinen Körper locker leicht über den Asphalt tragen. Dann auf
in den Wald wo ich eins werden kann mit der Natur und das Sein als Mensch
wieder neu begreifen lerne. Werbung ist was Tolles nur dauert die nicht lange
und auch bei mir stellt sich schon nach kurzer Zeit ein ganz anderes Gefühl
ein. Meine Beine haben auf den letzten Metern die Entscheidung getroffen die
Erdanziehungskraft ernster zu nehmen als mir lieb ist und meine Lunge macht mir
klar, was sie davon hält, wenn man immer wieder Zigaretten in sie rein raucht.
Obwohl keiner weiß, wann ich meine Tortur gestartet habe,
wäre es mir doch peinlich wenn ich jetzt gleich wieder zurückschlurfe und mich
damit meinem eigenen Körper geschlagen gebe. Ich beschließe also durchzuhalten
und wenigstens eine Runde durch den Park zu schaffen ohne zu wissen wo die
eigentlich lang geht.
Die Schritte fühlen sich an wie Haue und mein Körper kann
mich nicht mehr leiden. Das lässt er mich auch spüren und ich schmecke
abwechselnd Blut, Magensäure und meine Füße. Der Schweiß gönnt sich auch keine
Auszeit und tropft mir fröhlich durchs Gesicht. Meine gefühlte Temperatur liegt
bei der eines Kuchens der aus dem Ofen kommt und die Blicke der anderen Jogger
machen mir klar, dass man das auch sieht. Signalrot ist wohl noch untertrieben.
Nach einer Weile komme ich an eine Biegung und habe eine
Ahnung von dem was ich als Orientierung bezeichne. Wenn man das Ziel zwar noch
nicht sieht, aber schon mal weiß, dass es eins gibt dann macht es die Aufgabe
zumindest erträglicher.
Lange gerade Strecken sind der größte Feind der
Motivation und als ich die doch hinter mir habe, geht es wieder in den Wald. Da
gibt es Schatten und weichen Boden auf den man Fallen kann und sich der
Verwesung hingibt. Das wird mit jedem Schritt zu einer immer angenehmeren
Alternative und ich kann schon gar nicht mehr nachvollziehen warum ich
eigentlich weiterlaufe.
Die Schritte fühle ich schon nicht mehr, die Punkte vor
meinen Augen bilden lustige Muster und eigentlich warte ich nur noch auf den
Geschmack von Kupfer im Mund und das Kribbeln im rechten Arm. Ich verspreche
mir, wenn ich das überlebe ein ernstes Gespräch mit mir zu führen und das mit
dem Laufen noch mal grundsätzlich zu überdenken.
Wie aus dem Nichts taucht er dann aber doch auf. Der
Punkt der mir sagt, Runde vorbei du hast es hinter Dir. Ich rapple mich noch
einmal auf und verdiene einen Oscar für die Darstellung eines lebenden Menschen
den ich auf den letzten Metern meiner Umwelt vorspiele. Dann hab ich es
geschafft und mein Schritt wechselt von Laufen zu Gehen und ich kann mich an
den Früchten meiner Arbeit laben. Ich hole meine Smartphone aus der Tasche und
will mich an den Kilometern ergötzen die ich gerade hinter mich gebracht habe,
damit ich einen Beweis für meinen Schweiß in Händen halten kann. 1,92 km. Wenn
ich die Kraft hätte würde ich das blöde Ding wegwerfen. 1,92 km sind der Weg
zum Aldi und zurück. Das laufe ich in der Wohnung rum wenn ich sauber
mache. 1,92 km und ich sehe aus, als
hätte ich einen Marathon mit Rucksack hinter mich gebracht.
Ich zweifle abwechselnd an mir und an der modernen
Technik und mache mich auf den Weg nach Hause. Dort gehe ich duschen und packe
mich auf die Couch, wo ich irgendwann vor Erschöpfung einschlafe.
Und dann weiß ich was die Leute meinen, wenn sie sagen,
dass man sich nach dem Laufen viel besser fühlt. Klar fühl ich mich besser wenn
etwas vorbei ist, was keinen Spaß macht. Das ist als würde einer sagen
„Elektroschocks sind cool, danach fühlst du dich viel besser.“ Abgeschlossen hab ich mit der Sache allerdings
noch nicht. Denn Trottel wie ich nun mal bin, hab ich mich für den Firmenlauf
in Leipzig angemeldet, aber wenn man da nach 5 Kilometern ins Ziel kommt,
kriegt man einen Kaffeebecher geschenkt.
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