Samstag, 5. Oktober 2013

Text 1



Noch 49 Stunden

Der junge Mann liegt im Bett und guckt auf sein Handy. Es ist Mittwoch und es ist um acht und eine Nachricht von Chris seinem Arbeitskollegen war auch noch dabei. Die letzten Mittwoche um acht war der junge Mann um diese Zeit auf Arbeit und würde sich schon mitten im Tag befinden und sein Bett wäre nur noch ein gähnendes Gefühl, dass sich erst am Abend wieder einstellen würde. Der junge Mann antwortete auf die Nachricht, schrieb Urlaub in ganz großen Buchstaben, legte das Handy zur Seite und drehte sich noch mal um, denn der junge Mann hatte Urlaub. Der erste Urlaub seit einem halben Jahr und damit der erste Urlaub überhaupt in dieser Stadt, von der er noch nicht wusste ob sie schon sein zu Hause war, die er aber doch mochte. Die er sogar sehr mochte. Die Stadt in der er schon einen Lieblingsbuchladen hatte, den es auch bald nicht mehr geben würde. Wo er einen Bäcker hatte der wusste was er wollte und auch sonst sehr freundlich zu ihm war. Wo er eine Laufstrecke hatte die er auch regelmäßig benutzte und dann den Leuten erzählen konnte, dass er das macht. Wo er wusste, dass man im Aldi die rote Pesto immer auch kaufen sollte wenn es sie gab, weil sonst immer nur die Grüne da war und wo er seine Vinylsammlung auf ca. 20 Stück ausbauen konnte und das schon cool fand. Und wo er eine Wohnung hatte wo er ein Zimmer Arbeitszimmer nennen konnte und das auch oft genug tat.
In dieser Stadt war er sicher schon oft aufgewacht, nur eben noch nicht mit so viel Zeit wie jetzt. 3 Tage und noch ein Wochenende um sich endlich mal um das zu kümmern was er schon länger vor hatte und noch viel mehr.
Das mit dem Umdrehen brachte eigentlich nix weiter als den Blick auf die Wand und der junge Mann entschloss sich weniger spontan als vorgenommen für die Laufschuhe und hetzte sich eine Runde durch das überraschend kalte Wetter. Duschen gehen und dabei sauber machen vornehmen und los nach draußen um die neue Visions zu kaufen weil die heute da sein sollte und der Rest von Nirvana was zu erzählen hatte da wieder ein Album 20 geworden ist.
Dass er dafür extra mit der Bahn bis in die Stadt oder auch City, fahren musste, fühlte sich dann doch ein wenig seltsam an, macht ihm aber auch nichts aus. Unterwegs konnte er noch ein Buch „Abiturwissen Geografie“ aus einer Kiste mitnehmen und fand das auch gut, weil auf dem Platz im Bad, wo vorher „Kosmologie für Besserwisser“ und „PeterLicht Wir werden siegen. Buch vom Ende des Kapitalismus.“  lagen jetzt nichts lag was sich wirklich für diesen Platz eignete. Schon in der Bahn, konnte er lernen wir man ethnische Gruppen mit Blick auf ihre Größe unterteilt. Das war schon mal vielversprechend.
Wieder zurück ging es erst mal auf die Couch und schon bei der zweiten Folge von der Märchenserie hatte ihn eines der Kissen fest im Griff und erst gegen 16:00 Uhr wieder frei gelassen. Damit war der Tag irgendwie auch gegessen und liegen bleiben ging in Ordnung, der junge Mann hatte schließlich Urlaub.

Noch 25 Stunden

Das Handy zeigte irgendwas nach acht und der junge Mann schälte sich aus dem Bett ohne sich sicher zu sein warum und ging einfach mal duschen. Das mit dem sauber machen viel ihm gleich wieder ein und als erstes flog die Antirutschmatte weg, die er schon seit längerem Form und Farbe verändert hatten und eigentlich nur in einen Haushalt gehören sollte wo wenigstens einer der Mitbewohner in einem Alter war, dass dieses Ding auch rechtfertigte.
Damit der Tag schon mal ein wenig an Rechtfertigung gewann, kümmerte er sich um die Wäsche und fragte sich schon während er die Socken zusammen rollte, warum er jetzt Ellie Goulding hörte. Ein Gefühl von aktiver Langweile macht sich in ihm breit.
Pfandflaschen wegbringen, Müll auch gleich raus und schon mal das Word-Dokument öffnen um auch gleich mit der Arbeit zu beginnen. Super Sache das und da kann man auch mal die Couch unter sich lassen und weiter Serie gucken.
Irgendwann nach der Mittagszeit und nach seinem Frühstück wollte der junge Mann auch mal den Kopf frei kriegen und ging in die Stadt oder auch City um nach einer sportlichen und funktionellen Winterjacke zu suchen. Eines von den Dingern die hier ganz viel rumlaufen wo man jetzt nicht gleich Jacke zu sagen kann, die man sich über den Kopf zieht und die eigentlich immer gut aussehen. Die suchte er schon eine Weile und weil er heute besonders lange suchte, fand er auch ganz viele davon und nur die Preise von knapp hundert Euro für das Model gegen Regenwetter aber nix für kalt bis 700 Euro für ein Teil das wohl auch fliegen konnte oder Mathe oder  Frühstück machen.
Aus Frust, ging der junge Mann zu H und M, kauft sich ein Hemd und eine Hose und später noch, nicht bei H und M eine Schallplatte und bei KIK noch drei super große Tassen, wie er auch eine auf Arbeit hatte und befahl sich doch jetzt zufrieden zu sein und seine fast Lederjacke die er hatte auch zu mögen, weil die ja auch neu war und mit einem Schal und einer Mütze sicherlich den Winter vorüber gehen ließ ohne Erfrierungen davon zu tragen.
Als der junge Mann wieder zu Hause war, hörte er nicht Ellie Goulding und rauchte in der Küche. Er ärgerte sich über das Rauchen, weil er vor einigen Tagen damit aufgehört hatte, ihn aber die zu viele Zeit immer daran erinnerte, dass er doch Raucher war und er sich eher im Reflex wieder eine Schachtel geholt hatte. Aber gut, das würde er auch noch in der Griff kriegen. Irgendwie geht sowas, man muss es nur machen. Das ist wie mit allem Anderen was er sich so angewöhnt hatte. Sport, dreimal die Woche, laktosefreie Milch, mehr lesen, Müll trenne und weniger trinken. Das mit dem Trinken klappte auch besonders gut. Gerade drei oder vier Mal hatte er hier dem Alkohol den Vortritt gelassen und zwei Mal davon war Konzert. Das ist eine gute, eine normale Quote, die sich zwischen „ne ich mag das nicht“ und „der übertreibt schon wieder“ einordnet ohne unangenehm aufzufallen.
Zum Abend hin setzte er sich noch einmal vor seine Arbeit und kam über drei Zeilen nicht hinaus, worauf er sich dann für den Avengers Film entschied um wenigstens noch etwas Sinnvolles gemacht zu haben.

Noch zwei Stunden

Der junge Mann guckt auf sein Handy, es ist um sieben und das wusste er, weil er sich den Wecker ja so gestellt hatte. Die Sonne hatte sich schon so weit durch die Wolken gewühlt, dass ein Blick aus dem Fenster reichte um aus dem Bett zu kommen und wenig später fand er sich mit der Zahnbürste unter der Dusche wieder. Das kann ein guter Tag werden dachte er bei sich, bis er plötzlich die Abwesenheit seiner Antirutschmatte bereute.
Das Gefühl zu wissen, es passiert eine blöde Sache und man kann jetzt nichts mehr machen konnte er nie leiden und was er noch weniger mochte war das Gefühl, wenn Etwas gründlich schief gegangen war.

Noch eine Stunde und 30 Minuten

Er macht die Augen auf und merkte einen stechenden Schmerz an der Stelle wo sein Kopf auf die Waschmaschine geknallt war und konnte sehen, dass seine Beine seltsam aus der Wanne hingen. Er atmete kurz durch um die Situation wieder zu seiner zu machen, gab den Gedanken aber auch wieder auf, als er merkte wie sich seine Beine seiner Kontrolle entzogen und irgendwie auch der Rest des Körpers der zum vernünftigen Bewegen nötig gewesen wäre, nicht mehr mitmachen wollte.
Zudem viel ihm die rötliche Färbung des Wassers auf und ihm wurde klar wer da gerade seine Wanne einsaute. Der Schmerz am Kopf war dann wohl eine offene Wunde die sich unter regem Einsatz der Dusche auch nicht so leicht zum nicht mehr bluten überreden ließ. Als würde das noch nicht reichen, bemerkte er noch einen Geruch der wohl im Badezimmer zu Hause sein konnte, jedoch nicht unter der Dusche. Er konnte es zwar nicht sehen, aber er behielt doch Recht in seiner Annahme, sein Schließmuskel hätte auf unbestimmte Zeit der Dienst quittiert.

Noch eine Stunde

Der junge Mann hatte es in der letzten halben Stunde geschafft sich mit seiner Situation abzufinden und ging schon sehr davon aus hier nicht mehr lebend raus zu kommen. Wie genau er das gemacht hatte, war ihm auch nicht ganz klar. Da war Verzweiflung, Vernunft wieder Verzweiflung und die Frage nach dem Warum. Irgendwann merkte er, wie sich seine Gedanken ja doch nur im Kreis drehten und er wollte sich nicht in seinen vermutlich letzten Stunden auf einem Kopfkarussell durch die Gedanken jagen. Natürlich war diese absolute Meinung nur nach vorne geschoben und er hatte sich weiter hinten noch die Möglichkeit offen gehalten, dass das hier bald vorbei sein würde und er mit dem Nebensatz „das verändert dich total“ als Begleitung, den Leuten davon erzählen könnte.

Da so viel nicht mehr passiert beschränken wir uns darauf den Gedanken des jungen Mannes zu lauschen.

Noch 50 Minuten

„Jetzt ist mir aber doch irgendwie langweilig.“

Noch 45 Minuten

„Ok, Liste mit Songs für meine Beerdigung:

Du kommst nicht mehr zurück von PeterLicht
Der schönste Tag in meinem Leben von Tocotronic
Alive von Pearl Jam hö LOL
Noch was von Editors oder Interpol
Und zum Schluss Ding Dong die Hex ist tot

Noch 40 Minuten

„Was auf meinem Grabstein stehen könnte:

Hier liege ich, ich kann nicht anders.
Wenn Du das lesen kannst, stehst Du auf mir drauf.
Betreten der Rasenfläche verboten.
Ich bin gestorben und alles was ich bekommen habe ist dieser Stein.“

Noch zwanzig Minuten

 „Ich hätte Beschwerdebriefe schreiben sollen. An Disney, für die schlechten zweiten Teile ihrer Filme die dann nur auf DVD raus kommen und immer sehr doof sind. Also fast alle. Überhaupt hätte ich einige Filmleute mal beschimpfen sollen. Gucken die denn ihre Filme nicht, die müssen doch merken wenn die Grütze machen.

Noch fünfzehn Minuten

„Dumm di dumm di dumm ding dong die hex ist tot, lalala.“

Noch zehn Minuten

„Kinder hätte ich haben sollen. Das wäre noch cool gewesen. Kinder zum groß ziehen und ausschimpfen und dann hätten die coole Klamotten gekriegt. Das wäre toll gewesen. Und noch do ne Frau dazu, eine hübsche, wo immer alle sagen. „Mensch sieht man gar nicht, dass du schon Kinder hast, hast ja echt ne super Figur.“ Und dann fragen die sich, was die an mir findet und die glauben dann ich wäre voll der Bringer im Bett. Ha die Trottel.
Noch 5 Minuten

„Eigentlich bin ich ja noch zu jung um unter der Dusche durch ausrutschen zu sterben. Da muss es doch noch eine Möglichkeit geben. Wo sind die Nachbarinnen die immer im Hof Fußball spielen, da könnte ich doch rufen. Man, man, man, jeden Tag kloppen die den Ball draußen durch die Gegend und heute sind die nicht zu hören. Ist doch aber so schönes Wetter. Wegen den ende ich hier jetzt als naja Wasserleiche oder Duschleiche oder wie auch immer. Einfach nur eine Nummer in der Statistik die einem erzählt wie viele Unfälle im Haushalt passieren. Wenn ich hier lang genug liege komme ich vielleicht noch in die Zeitung, aber das war`s auch schon.

Suuuper.“


Noch zwei Minuten

Der junge Mann merkte wie auch der letzte Funke Lebensenergie aus seinem Körper verschwand und er endgültig von hier weg geschleift werden würde. Er wartete nur noch darauf bis sein Leben noch mal vor seinem geistigen Auge abläuft und machte sich auf einige peinliche Szenen gefasst, freute sich aber auch ein paar alte Freunde wieder zu sehen. Er war so ziemlich im Frieden mit sich, als es an der Tür klingelte.

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