Sonntag, 29. Dezember 2013

Die Geschichte von Paul Teil 4



„Manchmal ist das was man erlebt so seltsam, dass man denkt das alles wäre nicht wirklich und dann hat man ein Problem. Dann verliert man das was passiert ist und man verliert ein Stück von sich. Man verliert den Grund warum man ist wie man ist und kennt sich selber nicht mehr, man wird sich fremd, wenn auch nur in kleinen Teilen. Das reicht aber schon. Weißt Du was ich meine?“

„Weiß ich noch nicht, ich glaub das kann ich Dir später sagen.“
Peter hatte eine Ahnung von dem was Paul da sagte, wollte sich aber noch nicht festlegen.

„Es war also Krieg. Meine Schwester gegen meine Mutter und ich mittendrinn. Einen Vater hatten wir natürlich auch, den gab es allerdings nicht so richtig. Zuerst war er nie da und dann war er weg. Wann das genau passierte weiß ich schon gar nicht mehr, es war halt so und sollte wohl auch so sein. Man gewöhnt sich eben daran wenn jemand nicht da ist. Unsere Mutter hatte damit keine Probleme. Sie sagte immer, dass man stark sein muss in dieser Welt und Glück und Pech sind nur die Ausreden der Leute die ihr Leben nicht unter Kontrolle haben. Solche Sachen sagte sie immer zu uns. Das machte das Ganze nicht einfacher. Sie wollte uns nicht weinen sehen, sie wollte uns stark sehen. Keine Ahnung ob das jede Mutter so macht, ich würde meinen Kindern sowas ja nicht erzählen. Immer wieder hielt sie uns Vorträge über die Menschen die besser sind als andere, weil sie nicht aufgeben und auch alleine klar kommen. Menschen die kämpfen und Opfer bringen. Ich weiß gar nicht mehr was ich damals darüber dachte. Ich war ja eigentlich noch zu klein um überhaupt was darüber zu denken. Irgendwann kam dann auch der Tag an dem das alles ein Ende finden würde. Das sind ja seltene Momente im Leben, die wirklich was verändern. Meistens passiert ja etwas und dann geht es einfach weiter, so wie vorher. Unsere Mutter mochte Dinge die stark sind und ganz besonders solche, denen man es nicht ansieht. Dinge die schön sind und trotzdem gefährlich. Von diesen Dingen war sie ganz begeistert. Sie hatte da auch eine kleine Sammlung von Büchern und so Kram eben und auch ein Pflanze die Ihr ganz wichtig war. Ich habe keine Ahnung wie das Ding hieß oder woher sie kam. Auf jeden Fall war sie wunderschön und sehr giftig, was unsere Mutter uns auch immer sagte. Wir durften die Blume nicht anfassen oder Ihr zu nahe kommen. Sie stand in ihrem Arbeitszimmer und wenn sie nicht da war, dann war das Zimmer auch verschlossen. Irgendwann mal war wieder einer dieser Tage an denen der Krieg tobte. Es war früh und unsere Mutter musste auf Arbeit, während wir Ferien hatten. Meine Schwester und meine Mutter hatten sich mal wieder gestritten, worum es ging weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass keiner nachgeben wollte. Unsere Mutter hatte aber keine Zeit dafür und ging einfach. Wir waren schon zehn Jahre und konnten damit auch alleine zu Hause bleiben. Ich wollte mich da einfach nur raushalten und blieb im Bett liegen. Es waren ja auch Ferien, da muss man nicht früh aufstehen. Irgendwann bin ich dann doch raus aus dem Bett und wollte gucken was meine Schwester macht. Die hatte sich sonst eigentlich vor den Fernseher gesetzt, Trickfilme geguckt und Eis oder Schokolade gefuttert. Irgendwas eben was unserer Mutter nicht passte. Sie saß aber nicht vor dem Fernseher. Ich dachte schon sie wäre weg gegangen, da merkte ich, dass die Tür zum Arbeitszimmer offen stand. Ich wollte eigentlich gar nicht wissen, was sie da drinnen angestellt hatte. Ich guckte aber trotzdem rein und da lag sie. Sie lag auf dem Boden und neben Ihr die Blume. Aus dem Mund meiner Schwester lief Flüssigkeit so wie wenn man sich erbrechen muss und sie zuckte ganz komisch. Wie bei einem Anfall oder so. Ich hab dann den Notarzt gerufen und mehr weiß ich auch nicht von dem Tag. Später hat man dann gesagt, sie hätte den Kopf der Pflanze abgebissen. Ich denke sie wollte meine Mutter damit ärgern. Sie und meine Mutter haben sich dann nie wieder gestritten.
Meine Schwester ist jetzt auf einem Internat und kommt nur in den Sommerferien und zu Weihnachten nach Hause. In den Sommerferien können sich die beiden aus dem Weg gehen und zu Weihnachten wird einfach nicht viel geredet. Gefallen tut mir das Ganze natürlich nicht, aber jetzt ist wenigstens Ruhe und auch andere Familien haben Ihre Töchter aufs Internat geschickt. Das hätte wohl auch schlimmer ausgehen können.“
Paul schaute auf den Boden und schob den Schnee mit seiner Fußspitze zusammen.

„Das hätte wirklich schlimmer ausgehen können. Wie verstehst Du Dich denn mit Deiner Schwester?“

„Eigentlich ganz gut, wir sehen uns ja nicht oft, da kann man sich auch nicht streiten oder so. Die Geschichte geht aber noch weiter. Was jetzt kommt, ist gar nicht so lange her. Drei oder vier Wochen. Also kurz nach Weihnachten. Meine Schwester war gerade wieder ins Internat gefahren und meine Mutter kam von einer Feier. Sie hatte ein bisschen zu viel getrunken glaub ich und war nicht gut drauf. Das war sie eigentlich nie, wenn meine Schwester wieder weg war. Ich saß gerade vor dem Fernseher und guckte irgendeinen Weihnachtsfilm. Sie kam ins Wohnzimmer und setzte sich zu mir. „Hab niemals Kinder“ Sagte sie zu mir. „Kinder sind nie so wie Du es gerne hättest und das ist die größte Enttäuschung überhaupt. Das eine Kind ist stark aber dumm und das andere Kind ist wohl nicht so dumm aber ein Waschlappen. Da gibt man dann sein Leben hin und hat nichts davon.“ Sie ist dann ins Bett gegangen. Ich wusste auch gar nicht was ich hätte sagen sollen. Auf einmal war meine Mutter ein ganz anderer Mensch geworden. Ich weiß nicht wie das ist wenn man Kinder hat, ich glaube einfach nicht, dass man seinen Kindern sowas sagt oder so über seine Kinder denkt. Ich bin aber trotzdem froh, dass sie es gesagt hat. Immer noch besser als die ganze Zeit belogen zu werden.“

„Da hast Du wohl Recht.“
Peter wusste nicht wirklich was er jetzt sagen sollte. Er wusste eigentlich nicht ob er überhaupt was sagen sollte. Er war froh als die Bahn kam und er sich erst mal Gedanken darüber machen konnte was er gerade gehört hatte und welche Rolle er dabei in Zukunft spielen würde.

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