Sonntag, 19. Juni 2016

Die Sache mit dem Licht I


Die Sonne machte sich durch die schmalen Schlitze der Jalousien bemerkbar und es sollte wieder ein schöner Sommertag werden. Er überlegte, nicht doch noch auf zu stehen und eine kleine Runde zu gehen. Zum Bäcker vielleicht und was für das Frühstück holen. Er hatte schon lange nicht mehr richtig gefrühstückt. Einfach in der Sonne sitzen und sich Zeit nehmen. Schlafen ging jetzt ohnehin nicht mehr. Das Licht sorgte ab jetzt dafür, dass er diese Art von Ruhe nicht mehr finden sollte. Wie viele Stunden genau, wusste er nicht. Drei hatte er schon mal geschafft, bevor er wieder eingeknickt war. Noch war es ein sanftes Licht, dass langsam vor sich hin pulsierte, in einer kaum merklichen Frequenz und Helligkeit.
Er hatte keine Ahnung wie lange er schon im Bett gelegen hatte. Sein Rücken fühlte sich wund an und seine Beine brauchten eine Weile um sich an das Stehen zu erinnern. Hunger hatte er schon seit Tagen nicht mehr. Die gelehrten und wieder gefüllten Wasserflaschen gaben ihm einen groben Überblick. Das zerwühlte Bett und der mittelgroße Haufen benutzter Taschentücher ergänzten das Gesamtbild. Mehr als das ließ er sich nicht durch den Kopf gehen. Das machte jetzt auch keinen Sinn mehr.
Er hatte sich in diesem Körper nur selten richtig wohl gefühlt und nun passte sein Spiegelbild auch dazu. Die Wangen waren eingefallen und die Haut sah aus wie graues Wachspapier. Der einzige Farbtupfer waren die roten Augen die mit den tiefen Augenringen fast schon bedrohlich aussahen. Der Rest seines Körpers reihte sich in den ersten Eindruck ein. Abgemagert, bleich und unwirklich war die Erscheinung. Er bekam einen Eindruck davon, wie er als alter Mann hätte aussehen können.Gar nicht so schlecht fand er und seine Tätowierungen sahen auf der blassen Haut auch sehr gut aus. Sein Rücken war nicht halb so schlimm wie gedacht und fühlte sich unter der Dusche an wie ein leichter Sonnenbrand. Mit der Sonne die durch das obere Badezimmerfenster auf ihn einfiel erinnerte er sich an die besseren Zeiten in der Sonne und den Geruch von Chlor in dem Freibad in seiner aktuellen Heimatstadt.

„Es wird Zeit.“
Die Stimme war tief und ruhig. Sie passte zu dem kantigen und eleganten Gesicht des Mannes der plötzlich neben der Badewanne stand. Er hielt ein wenig Abstand, damit kein Wasser auf seinen weißen Anzug spritzte. Hier fehlte eindeutig ein Duschvorhang.

„Wirklich? Ich stehe unter der Dusche. Die zehn Minuten hättest du auch noch haben können.“
Seine sarkastische Bemerkung schaffte es gerade so, seine Erleichterung zu verdecken. Er wartete schon seit er wach war auf ihn. Der elegante Mann im Anzug war auch schon wieder verschwunden und Peter hörte den Fernseher aus dem Wohnzimmer.

„Na wie geht’s dir?“
Menes saß mit einer Schüssel viel zu süßem Frückstückszeug auf dem Sofa und schaute gebannt auf den übergroßen Fernseher, der gerade eine Kindersendung zeigte.

„Eigentlich ganz gut. Das mit dem Krebs ist bald vorbei und ich bin frisch geduscht. Nur der seltsame Typ auf meinem Sofa nervt mich gewaltig.“
Menes grinste Peter mit vollem Mund an um zu zeigen wie unlustig er seinen Kommentar fand. Peter ging in die Küche und setzte sich Wasser für Tee auf. Nebenbei räumte er das auf was Menes liegen gelassen hatte und tauschte sein Handtuch gegen lange Pyjamahosen und ein Dinosaur Jr. T-Shirt getauscht. Es war das letzte T-Shirt das er sich gekauft hatte. Es war grau und zeigte das Mädchen vom Green Mind Albumcover. Sie war nicht älter als elf Jahre und lief mit einer Zigarette im Mund vorbei. Das Album war nicht Peters Lieblingsalbum, wenn er ehrlich war kannte er die meistens Songs davon kaum. Das Bild mochte er trotzdem sehr. Es erinnerte ihn an eine Kindheit die er mal hatte. Unschuldig und trotzdem cool.

„Es ist doch faszinierend was die Kinder heute zu sehen bekommen. Schau dir das mal an. Die Hauptfiguren in dieser Serie sind nicht in der Lage von A nach B zu denken und selbst die cleversten unter ihnen sind noch so oberflächlich, dass es weh tut. Hier geht es seit zehn Minuten darum, dass ein Edelstein verschwunden ist.Bevor auch nur einer auf die Idee kommt Fragen zu stellen, wird jeder Verdächtigt und beschuldigt und alle sind sauer aufeinander. Zum Schluss klärt sich alles auf und sie haben angeblich etwas gelernt. Nur um in der nächsten Folge wieder so dumm zu sein wie irgend möglich.“
Menes hatte sich die Milch und das Frühstückszeug aus der Küche geholt und füllte sich die nächste Schüssel.

„Dann schalt doch um.“
Sagte Peter genervt und setzte sich mit seinem Tee neben ihn.

„Es zu ignorieren hilft ja nicht und ich will schon sehen wie es sich aufklärt. Alles was sonst so kommt ist ja noch blöder. In der letzten Zeit mal die Nachrichten gesehen? Du kommst nicht mehr raus aus dem Lachen.“
Menes war ein eher simpel gestrickter Typ. Jedes mal wenn sie sich begegneten beschäftigte er sich mit Dingen die einem auch ganz leicht egal sein konnten. Heute waren es die Cartoons im Fernsehen, damals waren es die Essgewohnheiten der Bauern oder die Form der Backwaren im alten Jerusalem. Peter hatte sich schon seit langem damit abgefunden und ließ das Schauspiel, für das und nichts anderes hielt er es, an sich vorbei ziehen.

Das Licht machte sich nun ein wenig mehr bemerkbar. Wie eine Blume die man ein paar Tage aus den Augen gelassen hatte und die jetzt die erste Blüte zum Vorschein bringt, war das Licht ein wenig schneller und ein wenig heller geworden. Es war natürlich die ganze Zeit schneller geworden, nur wie bei der Blume die eben auch ständig wächst, merkt man das immer erst dann wenn man wieder einen Blick darauf wirft.

„Wollen wir das jetzt wirklich wieder durchspielen?“
Fragte Menes und stopfte sich seine vierte Schüssel Frühstückszeug in den Mund.

„Wollen tun wir das nicht, aber was soll ich machen. Du lässt ja nicht locker.“
Antwortete Peter und nippte an seinem Tee.

„Lass ich auch nicht. Also bringen wir es hinter uns und gut damit.“
Sagte Menes ein wenig genervt.

„Oder wir warten einfach ab bis es vorbei ist und ich diese Scheiße nicht mehr mitmachen muss.“
Sagte Peter, nippte an seinem Tee und hoffte, dass Menes nicht merkte wie nervös er war.

„Jetzt komm schon. Es kann doch nicht so schwer sein das zu machen, für was man vorgesehen ist. Gerade wenn man so ein Geschenk bekommen hat wie du.“
Menes regte sich ein bisschen auf ohne den Blick vom Fernseher zu lassen.

„Geschenk? Wohl eher ein Fluch.“
Sagte Peter und blieb ruhiger als er dachte.

„Du bist unsterblich. Ist das etwa kein Geschenk?“
Erwiderte Menes und schaute Peter an.

„Ich bin unendlich und nein das ist kein Geschenk.“
Sagte Peter und schaute zurück.

„Na gut, dann bist du eben unendlich. Das acht doch keinen Unterschied.“
Sagte Menes ein wenig genervter und schaute wieder auf den Fernseher.

„Der Unterschied? Der Unterschied? Ich erkläre dir den Unterschied. Unsterblich bedeutet ewig zu leben. Wenn es gut läuft noch ewige Jugend dazu. Ich hingegen sterbe und werde wieder geboren. Immer und immer und immer wieder. Das nervt. Das ist der Unterschied. Das Thema hatten wir übrigens schon.“
Jetzt regte sich Peter doch auf und ärgerte sich darüber. Er drückte sich zurück in die Couch und nippte wieder an seinem Tee.

„Ja natürlich hatten wir das Thema schon. Du hast die Schnauze voll. Warum auch immer. Ich erkläre dir, dass es keinen Sinn macht die Schnauze voll zu haben, du siehst ein, dass es keinen Sinn macht die Schnauze voll zu haben und dann läuft alles wieder so wie es sich gehört. Du benutzt das Licht, wirst wieder geboren und ich kann einen Haken unter die Sache machen.“
Menes war nicht wirklich aufgebracht. Er hatte einfach keine Lust auf diese Gespräche. Es war jetzt schon das dritte mal in Folge, dass Peter sich vorgenommen hatte das Licht nicht zu benutzen und einen richtigen Tod zu sterben.

„Ok es ist ganz einfach. Ich will nicht mehr. Ich will diese Leben nicht mehr. Ich will diese Wiedergeburten nicht mehr und ich will einfach das alles nicht mehr.“
Peter war es ernst damit, nur sah er gerade aus wie ein kleines Kind, dass später ins Bett gehen will. Zugegeben wie ein todkrankes kleines Kind. Das machte allerdings keinen Eindruck auf Menes. Der hatte nichts für dieses Thema übrig.

„Also gut, dann erkläre mir doch mal was daran so schlecht ist. Du hast ein Geschenk bekommen. Du hast den Beginn der Menschheit gesehen. Du wandelst auf dieser Welt, länger als jedes andere Wesen und du wirst länger auf dieser Welt sein als andere es sich zu träumen wagen. Wo ist dein Problem.“
Menes hatte seine Schüssel abgestellt und widmete Peter jetzt seine ganze Aufmerksamkeit.

„Was mein Problem ist? Mein Problem bin ich. Schau mich an. Ich bin so gewöhnlich wie es irgend geht. Ich bin nicht besonders klug. Ich habe keine Talente, keine besonderen Fähigkeiten und nichts was irgendwie besonders ist. Ich habe es bis jetzt nicht geschafft ein Instrument zu lernen. Die meisten meiner Körper sind von gut aussehend so weit weg wie eine Banane von einem Autoreifen. Alle großen Ereignisse der Geschichte sind komplett an mir vorbei gegangen. Als das Feuer gefunden wurde hab ich noch Jahre in einer kalten Höhle gehockt und rohe Biber gegessen. Als die Pyramiden gebaut wurden habe ich Zick Zack Muster in Keramikschalen geritzt. Von Jesus hab ich erfahren, da war er schon tausend Jahre tot. Beim dreißig jährigen Krieg war ich Reisbauer in China und überhaupt ist in meiner Nähe nie etwas passiert was irgendwen interessiert hätte. Ich könnte nicht mal Geschichtslehrer werden so weit ging das alles an mir vorbei.“
Peter regte sich auf und wieder ab. Er ärgerte sich wieder über sich, nahm noch einen Schluck Tee und schaute auf den Fernseher. Jetzt passierte erst mal nichts. Menes hatte sich angehört was Peter zu sagen hatte und so wie er es immer tat, schwieg er. Peter fand das unmöglich und hatte sich schon auf die verschiedensten Arten gegen dieses Schweigen zur Wehr gesetzt. Er hatte geredet, geschrien und wild um sich geschlagen. Das brachte natürlich nichts und so hatte er sich in den letzten Monaten versprochen, diesmal einfach nichts zu machen und genauso zu schweigen. Er war schon ein bisschen stolz auf sich, wie er da so saß und nichts sagte.



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