Montag, 2. Dezember 2013

Die Geschichte von Paul Teil1



Peter Peter

Die Geschichte von Paul

Peter Peter, hatte sich für leben entschieden und jetzt stand er hier an der Haltestelle, wartete auf die Straßenbahn und wusste nicht genau wie er es nennen wollte was er da fühlte. Obwohl es auch kein richtiges Fühlen war, er kam sich irgendwie vor. Er kam sich irgendwie fremd vor. Ein Stück weit von sich weg, nicht aus dem Blick, aber auch nicht da wo er sich für gewöhnlich fand.
Er musste damit klar kommen, dass sich Einiges verändern würde. Stück für Stück holte ihn seine Umwelt auf eine neue Seite und er konnte nicht mehr mit verschlossenem Selbst durch die Welt laufen. Ganz im Gegenteil, er würde sich Allem öffnen was es da draußen gab und jeder Erfahrung die Chance geben die sie verdient.
Es war noch fast dunkel und es wurde auch langsam kälter. Die Bäume ließen das Grün des Sommers langsam gehen und konnten sich nicht zwischen einem kräftigen Rot und diesem Gelb entscheiden, was es irgendwie nur dann zu sehen gibt wenn die Natur das so will.
Wie schon an den Tagen zuvor, war er 4 Minuten früher da als die Bahn und wie schon an den Tagen zuvor war er nicht alleine. 5 Meter neben ihm stand ein Junge der um die 14 Jahre sein musste. Es war ein typischer Junge in diesem Alter mit einer dieser Frisuren die bald aus der Mode kommen würden, aber immer noch überall zu sehen waren. Wo einem die Haare das Gesicht mal mehr mal weniger verdecken und von den Mädchen ganz süß gefunden werden konnten. Der Junge trug normale schwarze Kleidung und einen großen Rucksack. Ganz so wie viele andere Jungen auch die er früh sah, wenn er zur Arbeit fuhr. Nur war dieser Junge neben seinem ganzen Normal auch irgendwie anders. Es war nichts was man auf den ersten Blick sehen konnte, nichts was man überhaupt sehen musste. Es war eher etwas was man aus den Augenwinkeln an einem entdeckt, den man nicht kennt. Wo einem so eine Nebensache noch auffallen kann.
Peter wusste aber weder wie er dieses Andere beschreiben konnte, noch wie er es nun sehen sollte. Er wusste auch gar nicht ob er es überhaupt irgendwie zu sehen hatte. Es war für ihn noch immer etwas Neues sich auf diese Art mit anderen Menschen zu beschäftigen und da wollte er sich nicht zu weit raus wagen und einfach alles so lassen wie es ist. Auch wenn das nicht ganz seinen Plänen entsprach.
Es wäre ohnehin eine seltsame Angelegenheit mit einem fremden Jungen darüber zu sprechen, dass er anders war. Das kommt in der Regel nicht gut an, da hatte Peter seine eigenen Erfahrungen und er war der Letzte, der dafür sorgen wollte, dass jemand anderes die gleichen Erfahrungen machen müsste.
Es würde wohl noch eine Weile dauern bis er sich dem Ganzen um sich herum soweit arrangiert hatte, dass er sich um solche Gedanken keine Gedanken mehr machen musste.

So ging die Zeit weiter und die Tage wurden weniger und vor allem wurden sie kälter. Das Wetter holte sich das Land und immer mehr auch die Stadt um Schnee an der einen Stelle und graues Nass an der anderen Stelle liegen zu lassen. Peter fühlte sich ganz wohl damit, hatte er sich doch frühzeitig mit Winterstiefeln und einer funktionierenden Jacke ausgerüstet um nicht mit dem Wetter um seine Laune ringen zu müssen, nur weil die Kälte an seinen nassen Füßen an ihm hochkriechen würde. Er fand es immer gut wenn er früh zur Bahn ging und es die ganze Nacht geschneit hatte. Der Schnee hatte dann einen ganz eigenen Schein im Orange der Straßenbeleuchtung und jeder frische Fußabdruck warf seinen eigenen Schatten in sich. So wie alles seine Schatten in den frischen Schnee legte. Peter mochte das. Er mochte es, wenn er der Erste war der seine Spuren hinterlassen durfte und damit Teil dieses vergänglichen Kunstwerks zu werden, dass man ja nie lange betrachten konnte. So auch an diesem Morgen wo er der frischen Schneedecke seinen Spuren geben durfte. Es hatte jetzt schon über eine Woche geschneit und an den Straßenrändern türmten sich die Schneemassen, die man nicht im Weg haben wollte und es herrschte diese seltsame Stimmung, die kommt wenn etwas schlimmer ist als sonst, was aber nicht alle betrifft. Für die Autofahrer muss es wohl die Hölle sein, sich auf den glatten Straßen, die man eigentlich nicht mehr sehen konnte, durch den Verkehr zu schieben während man als Fußgänger und Bahnfahrer nicht davon berühren lassen musste.
Peter stand wie immer an seiner Stelle unter dem Baum an der Haltestelle und schaute sich den fallenden Schnee im Licht der Laterne an. Die Schneeflocken schienen aus einem schwarzen Nichts über ihm zu kommen und verschwanden dann auf dem Boden wieder in einem weißen Nichts. Wenn man aber einige Minuten stehen blieb, sammelten sich genug um eine dünne Schicht Schnee auf den Schuhen zu hinterlassen.
Peter schaute auf die Uhr und in zwei Minuten würde die Bahn kommen, hinter ihm stapfte der Junge an seinen Platz neben dem Schild der Haltestelle durch den Schnee.
Peter dachte darüber nach, wie lange es wohl dauern würde bis er eingeschneit wäre und wie er das zusammen mit Christian machen könnte. Obwohl Christian nicht lange genug stillhalten könnte um das ernsthaft anzugehen. Alex auch nicht. Jette wäre ganz gut dafür, die müsste er mal fragen. Das würden auf jeden Fall gute Fotos werden. Er musste kurz grinsen, holte sich das aber gleich wieder aus dem Gesicht und schaute verlegen auf die Uhr. Schon zwei Minuten war die Bahn zu spät und das was ungewöhnlich. Da bemerkte Peter die Laufschrift die am unteren Rand der Anzeigetafel ihre Bahnen zog. „Aufgrund von Glatteis verspäten sich Linie 2 und 1.“
Supertoll, dachte sich Peter und wunderte sich auch erst jetzt, warum er und der Junge die einzigen waren die hier warteten. Das war nämlich immer so. Wenn die Bahn nicht kommt oder sich verspätet war er einer von den wenigen Leuten die dann an der Bahn standen und nicht wussten wohin mit sich. Es war als wüssten immer alle anderen, dass die Bahn nicht kommt, nur wollte ihm keiner sagen woher. Er beschloss sich jetzt nicht darüber aufzuregen und setzte einfach sein Experiment mit dem zuschneien fort. Dann würde das Warten nicht ganz umsonst sein.

„Geht es Ihnen gut?“

„Hallo, geht es Ihnen gut?“

Peter hatte sich mal wieder ein wenig verlaufen und musste sich kurz nach da bringen wo er war. An die Bahnhaltestelle, auf dem Weg zur Arbeit unter einer dünnen Schicht Schnee und vor ihm stand der Junge, der sonst immer fünf Meter neben ihm stand.

„Ich hab gefragt ob es Ihnen gut geht. Sie stehen schon seit ein paar Minuten hier rum und bewegen sich nicht.“ Der Junge blinzelte unter seiner Kapuze vor und schaute zu Peter rauf.

„Ja ich bin in Ordnung, danke der Nachfrage. Ich wollte nur mal gucken ob ich mich einschneien lassen kann. Da muss ich wohl ein wenig in meinen Gedanken verschwunden sein. Das passiert schon mal, wenn ich etwas mache wo ich nichts machen muss.“ Jetzt blinzelte Peter den Jungen unter seiner Mütze raus an.

„Ja das kenn ich.“

„Na ja ein bisschen Tagträumer ist ja jeder.“

„Ja das weiß ich, aber das sind keine Tagträume die ich habe. Ich gehe woanders hin, wie eine Flucht, das kann man glaub ich auch sehen. Obwohl nur ganz wenige Menschen es auch erkennen. Es macht mich zumindest anders und die meisten merken das, auch wenn sie nicht wissen was sie merken. Das ist wie bei den Tieren, die merken auch wenn einer nicht dazu gehört, der wird dann vertrieben oder gefressen oder so.“
Der Junge schaute Peter an und wartete auf eine Antwort. Peter wusste nur nicht was er jetzt hören wollte. Eine freundliche Aufmunterung, Verständnis oder sollte er ihm doch klar machen, dass er doch nur in einer schwierigen Zeit war und das alles vorbei ist wenn er erst mal Erwachsen durch die Welt läuft. Peter hatte sich schon eine ganze Menge Filme angesehen wo junge Menschen mit sich und ihrem aktuellen Ich nicht so gut klar kamen und das Drumherum auch nicht auf der guten Seite stehen wollte. Da gab es dann immer ganz tolle Ratschläge die auch nicht schwer waren und mit an sich glauben zu tun hatten, weil alles besser wird wenn man nur will.

„Du musst nur ganz fest an Dich glauben, an Dich und deine Kraft, dann wirst Du alles schaffen.“
Der Junge lachte kurz aber richtig.
„Echt jetzt, das meinen Sie doch nicht ernst. Haben Sie das aus einem Film?“
Peter guckte verschämt in die Gegend.

„Meine ich nicht und ja habe ich.“
Peter musste jetzt selber ein wenig lachen.

„Na gut dann erzähl mal wovor Du denn flüchtest.“










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