An diesem Abend konnte Peter nicht gut einschlafen. Er
war nach Hause gekommen und eigentlich müde von der Arbeit und müde von dem
Tag. Wintertage wie dieser machen auch müde. Es ist ja alles ein wenig
anstrengender wenn einem so viel Schnee im Weg liegt und die Kälte zerrt auch
an den Kräften. Er hatte es sich auf der Couch gemütlich gemacht, irgendwann
gegessen und sich sein Essen für den nächsten Tag gemacht. Wie immer hat er
noch ein wenig gelesen, bis die Augenlieder schwer wurden und die Buchstaben
nur noch ein graues Bild auf den Seiten waren. Er merkte dann beim Umblättern
der Seiten, dass er keine Ahnung hatte, was er gerade las und dass es Zeit
wurde zu schlafen. Nur waren seine Gedanken, die jetzt die Ruhe und den Platz
nutzten, noch nicht bereit sich schlafen zu legen und das Gespräch von heute Morgen
wühlte sich noch einmal vor seine Augen.
Ihm wurde klar, dass er mit der Situation nicht so recht
umgehen konnte. Und das lag vor allem daran, dass er nicht wusste um was für
eine Situation es sich eigentlich handelte. Wer war denn jetzt wer in diesem
Gespräch? Warum hat der Junge ihm diese Geschichte erzählt? Wer von beiden war
dafür verantwortlich? Hatte Peter etwas gesagt, was ihn dazu brachte ihm die
Geschichte seines Lebens zu präsentieren? Warum fühlte Peter sich so gut beim
Zuhören?
Peter wollte eigentlich schlafen, schon aus dem Grund,
weil er morgen pünktlich oder auch ein wenig früher aufstehen wollte um sich
den Rest der Geschichte anhören zu können. Da war jetzt kein Platz für dieses
endlose Grübeln und Gedanken formulieren. Und genau da war ja das Problem. Und
nicht nur das, er musste daran denken, wie es denn nun weiter gehen würde. Nicht
die Geschichte an sich. Die steht ja schon fest, die gibt es einfach. Wie würde
es sein? Würde die Bahn wieder zu spät kommen? Würden beide einfach früher da
sein? Geht es einfach so weiter oder eben nicht? Und warum interessiert ihn das
jetzt so? Es war wie die Lösung eines Problems zu finden, wobei die Suche nach
der Lösung ein Teil des Problems ist.
Peter versuchte seine Gedanken zu sortieren, was ihm aber
nicht gelingen wollte. Er malte sich ohne viel Zutun die seltsamsten Szenen
aus. Von einer plötzlichen Schneeschmelze bis zum Verschlafen war alles dabei
und er musste sich am Ende sogar fragen, ob das Gespräch auch wirklich passiert
ist. Irgendwann gegen um eins dachte er über eine sinnvolle Alternative zum
Schlafen nach und fühlte sich wie in seiner Kindheit, wo der Schlaf nichts weiter
war als eine längere Abwesenheit vom Leben. Damals hatte er richtig Angst vor
dem Schlafen. Er verstand einfach nicht wo er war wenn er schlief und ob er
denn auch immer wieder zurückkommen würde. Das wurde so schlimm, dass er
Alpträume bekam in denen es ums Schlafen ging. Jetzt mag sich das sicherlich
eher nach Ironie anhören, aber für ein Kind ist das überhaupt nicht lustig. Und
auch jetzt bekam er manchmal ein seltsames Gefühl von Angst, wenn er wieder
einmal mit dem Schlaf im Argen lag.
Als er dabei war Liegestütze zu machen kam ihm eine
Antwort oder besser eine Idee für eine Antwort. Er mochte es einfach wenn er
zuhören durfte. Wenn jemand ihm etwas erzählte was sonst keiner wissen sollte.
Das gefiel ihm und auch wenn die Ausgangssituation schon recht seltsam war,
fühlte er sich doch wohl bei dem Gedanken für jemandem der zu sein, dem er
etwas Wichtiges erzählen wollte. Er kannte das Gefühl von früher, nur gab es diese
lange Pause in der dieses Gefühl sich nicht hatte blicken lassen und wohl fast verloren
gegangen wäre.
Der Wecker klingelte und Peter schleifte sich aus dem
Bett. Der Blick aus dem Fenster zeigte das gleiche Schneetreiben im Licht der
Laternen, wie schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Die Nacht war keine Lange
gewesen und er spürte den fehlenden Schlaf wie ein nasses Laken an sich kleben.
Auf dem Weg ins Bad, wusste er auch wieder warum er so wenig geschlafen hatte
und war schon ein wenig enttäuscht von sich. Er konnte es einfach nicht leiden,
wenn sich Vorfreude über Nacht in ein seltsames Egal ändert, womit keiner was
anfangen kann.
Zehn Minuten zu früh an der Haltestelle, erwartete ihn
nur Schnee und das Licht der Laterne umringt von einem Schwarz, das wieder den
ganzen Rest für sich einzunehmen schien. Die Anzeige sagte noch nichts von
einer Verspätung und Peter kam sich seltsam vor, wie er hier stand und darauf
wartete, sich die Geschichte von einem doch fremden Jungen anzuhören.
Nach fünf Minuten war das mit dem Seltsam aber schon
vorbei, aus dem Schneegestöber tauchte der Junge auf und stellt sich neben ihn.
„Hi“ Man konnte ihn kaum erkennen unter seiner Kapuze und
dem Schal vor dem Gesicht.
„Hi, na wie geht’s?“ Peter fand die Frage selber doof,
wusste aber nicht wie man sonst ein Gespräch anfangen konnte.
„Mir geht’s gut, nur ein bisschen kalt, aber das ist wohl
in Ordnung weil ja Winter ist und so. Und wie geht es Ihnen?“
„Auch gut und auch kalt. Ich bin übrigens Peter.“
„Ich bin Paul.“ Jetzt hätte das Gespräch schon enden
können und beide guckten vor sich hin und warteten auf die Bahn. Peter wollte
aber nicht auf die Bahn warten er wollte zuhören.
„Wie ging es denn weiter mit Eurem Krieg?“
„Naja wie das mit dem Krieg so ist, die gehen weiter oder
enden für immer und unser Krieg ging dann irgendwann zu Ende.“
Paul macht wieder eine Pause um zu sortieren was er sagen
wollte.
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