Donnerstag, 7. Mai 2015

Das mit dem Wasser

Kapitel 2

Er wunderte sich nicht sonderlich darüber, dass er nicht alleine war im Waschsalon. Es gab immer ein paar verstreute Seelen, die ihre Wäsche zu den einsamsten Zeiten überhaupt in den Waschsalon brachten. Freitagabend, Sonntag morgen oder eben wie jetzt, sehr früh am ersten Weihnachtsfeiertag. Durchweg alleinstehende Männer die einfach nur ihre Ruhe haben wollten. Da störte es auch nicht, dass man zu dritt seine Ruhe haben wollte. Die einsamen, die sich unterhalten wollen kommen später. Da herrscht schon fast eine familiäre Stimmung.
Er saß auf der wenig bequemen Holzbank und schaute auf die Zeitanzeige der beiden Waschmaschinen. 30 und 21 Minuten würde es noch dauern bis die Trommeln aufhören sich zu drehen, noch einen Moment in die Ruhe starren und warten bis es klickt. Dann würde er seine Wäsche zurück in seine Taschen stopfen und nach hause gehen, die Wäsche aufhängen und merken, dass der Tag gerade erst angefangen hat und nichts weiter zu tun übrig blieb. Langweile gibt es in Zeiten des Internets eigentlich nicht mehr. Zeitverschwendung ist jedoch ein großes Thema geworden und er überlegte, ob das Buch in seiner Tasche etwas daran ändern könnte.
So richtig wollte ihn der Gedanke daran nicht überzeugen. Er war einfach nicht in der Stimmung für Literatur. Es macht auch keinen Sinn sich jetzt zu überreden und zu zwingen, das Buch wenigstens anzufangen. Das wäre wie Hausaufgaben machen. Er würde es machen, er würde gut finden, dass er es gemacht hat, er würde nichts davon im Kopf behalten. Immer wenn er sich zu den Hausaufgaben gezwungen hatte, waren sie einfach erledigt, hatten aber sonst nicht die geringsten Spuren hinterlassen. Ganz so, als hätte er sich innerlich eine Pause gegönnt und nur das nötigste hätte sich um das lösen der Aufgaben gekümmert. Da er das Buch aber wirklich lesen wollte, empfand er es als besser, einfach auf den Moment zu warten, wenn er auch Lust dazu hat.
Dir erste Waschmaschine hatte schon einen Klick von sich gegeben und die feuchte Wäsche war schon fast in der Reisetasche verstaut. Da erinnerte er sich an die Sache mit dem Wasser auf dem Stuhl und er musste schmunzeln als im ein Gedanke kam.

Es war bereits Mittag und er war dabei das zweite Magazin zu lesen. Der Vorwurf der Zeitverschwendung schwebte schon seit einer Weile über ihm, was ihn jedoch wenig beeindruckte. Je länger er hier saß, desto schlüssiger wurde auch seine Argumentation. Zuerst einmal kann er mit seiner Zeit anfangen was er will, dann hatte er die Magazine ja nicht umsonst gekauft und das bisherige Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen. Ca. ein fünftel des Glases war schon mit Wasser gefüllt und das war eine Erkenntnis. Eine Erkenntnis, deren Wert sich sicherlich anzweifeln ließ, aber es ging hier auch ein Stück weit darum, etwas zu tun, was sich jeder Ernsthaftigkeit verweigert und damit wird dann auch jede Erklärung überflüssig.
Wie er also dort saß und seine innere Diskussion für sich entscheiden konnte, war es wieder so weit. Er stand von dem Stuhl auf, nahm einen besonders feinen Schwamm und tupfte das Wasser von der schwarzen Sitzfläche bis sie annähernd trocken war. Den Schwamm drückte er dann über einem Glas aus und mehr als nur ein paar Tropfen ließen den Pegel ein wenig steigen.

Auch wir als Betrachter, sollten uns jegliche Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Beschäftigung sparen. Zum Einen ist das Ereignis ohnehin schon passiert und wir sind wie gesagt nur Beobachter und daher per Definition von jeder Mitsprache ausgeschlossen. Zum Anderen ist das gesammelte Wasser einer der zentralen Punkte der Geschichte und damit unerlässlich für diese Erzählung. Damit meine Argumentation auch schlüssig wird, erspare ich mir weitere Details und komme zu dem Moment an dem die Geschichte eine Wendung erhält die lohnt passiert zu sein.

Er trinkt das Wasser. Das ist zufällig und mit keinerlei experimentellem Willen geschehen. Das nur als Anmerkung.
Was dann passiert verliert jedoch jeden Charakter des Gewöhnlichen und kann kaum vernünftig geschildert werden. Zu erst einmal passiert gar nichts. Er bemerkt seinen Irrtum, schüttelt sich kurz
und stellt das Glas wieder an seinen Platz. Da er das Wasser, nachweislich,nicht zu seinen Körperflüssigkeiten zählt, nimmt er es mit Humor und verschwendet keinen weiteren Gedanken daran. Ziemlich genau sechzig Minuten später denkt er anders darüber.
Man stelle sich einen Sonntag Nachmittag vor, der nichts zu bieten hat. Das Wetter nicht, das Fernsehen nicht und man selber schon gar nicht. Dann wie aus heiterem Himmel, fällt einem das Stück Torte ein, dass man noch im Kühlschrank hat. Eine bloße Erinnerung die es schafft eine positive Überraschung zu sein. So oder nicht annähernd so muss es sich angefühlt haben, was ihm passiert ist. In Gedanken verloren war er für den Moment einer Ewigkeit mitten in der Erinnerung eines Traumes. Das es ein Traum war, erkannt er sofort. Es war einer dieser Träume, die in ihren Fragmenten die der Morgen übrig hat, noch genug Erlebtes tragen um damit mehrere Tage beschäftigt zu sein. Nur waren es keine Fragmente die er hier erinnerte sondern ein ganzes, bewegtes und vor allem gefühltes Bild. Von Zeit zu sprechen wird da natürlich schwierig. So ein Traum kann ja ganze Dekaden für sich beanspruchen und dauert doch nur den kurzen Teil einer Nacht. Die Zeit die wir von außen zu messen haben, lag bei fünfzehn Minuten. Das ist bitte nur als Randnotiz zu werten, da es mit der von ihm erlebten Zeit nichts gemein hat. Er selber könnte da keine genaue Auskunft erteilen. Was auch verständlich ist. Wer schaut schon auf die Uhr wenn er einem Traum begegnet.
Von dem Traum an sich zu berichten, wäre müßig. Es ist einer der ganz eigenen Sorte, der nicht durch die üblichen Wünsche und Verlangen genährt wird. Es war einer der sich von Phantasie und ganz tiefer Sehnsucht gewachsen, einen Platz im unteren Bewussten gesucht hat und irgendwann an die Oberfläche kam um seine Pflicht zu tun. Warum gerade dieser Traum der erste war, der sich durch das Wasser erleben ließ, ist auch eine Frage, die es nicht zu beantworten bedarf. Macht es doch einfach keinen Sinn die Antwort zu kennen und würde zu viel Mühe kosten und vom eigentlichen Ablenken.
Er saß also nun da, weniger verwirrt als er sich zugetraut hätte und wusste nicht ob er sich Sorgen machen sollte. Er wusste wo er war, er wusste wer er war und er wusste wo er gerade noch gewesen ist. Ihm war klar, dass er gerade seinen Traum erlebt hatte und war verblüfft von der Nachhaltigkeit seiner Erinnerungen und der Klarheit mit der er diese trug.
Er zog sich an und machte einen Spaziergang durch die Kälte. Andere Luft würde ihm helfen sich zu sortieren. Auch wenn er ziemlich ruhig war, wollte er nicht so tun als wäre es normal, was ihm passiert ist. Solche Dinge für normal zu halten wäre ein Grund zur Sorge dachte er und ging in Richtung Wald.

Schimmelpilze, Schimmelpilze in der Wohnung, in der Luft und damit im Wasser, was er gesammelt hatte. Das war eine Erklärung die in der kürze der Zeit durchaus für stimmig gehalten werden konnte. Er hatte sich also mit einem Schimmelpilz vergiftet und war damit auf eine Vergiftung hereingefallen. Die ganz natürliche Erinnerung an Träume, wäre ihm zwar lieber gewesen, doch das sollte eben nicht sein. Obwohl natürlich in diesem Moment ein Begriff war, der sich auch nur für ihn und zu seinem Gefallen in die Argumentation geschlichen hatte. Schimmelpilze wären ja immer noch natürlicher als jedes klare Wasser, mit solchen Wirkungen.

Wie er eben so war, ließ ihm das Ganze noch keine Ruhe. Wenn es auch nur die geringste Möglichkeit gebe, hier einen Punkt zu finden, an dem jede Erklärung scheitert, dann gilt es zu suchen. Von dem Wasser war ja noch etwas übrig und damit hieß es jetzt nach allem Möglichen vorzugehen und Beweise zu sammeln. So wäre es in der modernen Wissenschaft gewünscht und betrieben. Nur fehlte es ihm in beinahe jedem Belang an moderner Wissenschaft und so musste er sich auf eine Variante besinnen die wohl eher im Altertum Anwendung gefunden hat. Wenn wir nicht wissen, ob etwas da ist, dann vernichten wir es um zu sehen ob es überhaupt da war. Wenn er das übrige Wasser kocht und damit den vermeintlichen Schimmelpilz zu töten, das Wasser, jedoch seine Wirkung nicht verliert, dann war es nicht der Schimmelpilz. Dann war es etwas Anderes und damit genug fehlende Erklärung um spannend zu bleiben.

Wasser abkochen ist langweilig und wird nicht besser, wenn man dabei zuschauen muss. Es sollte ja keine Ablenkung oder ein Moment des geistigen Abtriebs dafür sorgen, dass der Rest von dem Wasser sich zurück in die Umgebung verdampft. Er wollte ja so schnell wie möglich zu einem Ergebnis und damit auch wieder in den Genuss dieser sonderbaren Wirkung kommen. Es war zwar kein Verlangen, dass ihn trieb, aber eine gewisse Lust und vor allem Neugier ließen sich nicht leugnen. Als das Wasser abgekocht war, ließ er es eine Weile abkühlen. Nicht weil es unbedingt nötig gewesen wäre. Es galt einfach den Beweis zu führen, dass er sich noch unter seiner Kontrolle befand und nicht gezwungen war jetzt schon wieder einen Schluck zu nehmen.
Wahrscheinlich wäre es zu Vorbeugung einer Suchtgefahr viel zu früh gewesen, es fühlte sich aber richtig an und hat damit auch seine Gültigkeit.
Gegen Nachmittag war es dann soweit und er entschied sich für den abschließenden Test. Er nahm das Glas mit dem Wasser und trank was übrig war, in einem Zug aus.
Enttäuschung macht sich breit, da sich keine Wirkung einstellen wollte. Ihm war einfach nicht klar, dass er noch eine Stunde zu warten hatte, bis er wieder in eine Erinnerung verfallen würde. Nach ca. 59 Minuten wurde ihm sein Irrtum klar.

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