Kapitel 2
Er wunderte sich nicht sonderlich
darüber, dass er nicht alleine war im Waschsalon. Es gab immer ein
paar verstreute Seelen, die ihre Wäsche zu den einsamsten Zeiten
überhaupt in den Waschsalon brachten. Freitagabend, Sonntag morgen
oder eben wie jetzt, sehr früh am ersten Weihnachtsfeiertag.
Durchweg alleinstehende Männer die einfach nur ihre Ruhe haben
wollten. Da störte es auch nicht, dass man zu dritt seine Ruhe haben
wollte. Die einsamen, die sich unterhalten wollen kommen später. Da
herrscht schon fast eine familiäre Stimmung.
Er saß auf der wenig bequemen Holzbank
und schaute auf die Zeitanzeige der beiden Waschmaschinen. 30 und 21
Minuten würde es noch dauern bis die Trommeln aufhören sich zu
drehen, noch einen Moment in die Ruhe starren und warten bis es
klickt. Dann würde er seine Wäsche zurück in seine Taschen stopfen
und nach hause gehen, die Wäsche aufhängen und merken, dass der Tag
gerade erst angefangen hat und nichts weiter zu tun übrig blieb.
Langweile gibt es in Zeiten des Internets eigentlich nicht mehr.
Zeitverschwendung ist jedoch ein großes Thema geworden und er
überlegte, ob das Buch in seiner Tasche etwas daran ändern könnte.
So richtig wollte ihn der Gedanke daran
nicht überzeugen. Er war einfach nicht in der Stimmung für
Literatur. Es macht auch keinen Sinn sich jetzt zu überreden und zu
zwingen, das Buch wenigstens anzufangen. Das wäre wie Hausaufgaben
machen. Er würde es machen, er würde gut finden, dass er es gemacht
hat, er würde nichts davon im Kopf behalten. Immer wenn er sich zu
den Hausaufgaben gezwungen hatte, waren sie einfach erledigt, hatten
aber sonst nicht die geringsten Spuren hinterlassen. Ganz so, als
hätte er sich innerlich eine Pause gegönnt und nur das nötigste
hätte sich um das lösen der Aufgaben gekümmert. Da er das Buch
aber wirklich lesen wollte, empfand er es als besser, einfach auf den
Moment zu warten, wenn er auch Lust dazu hat.
Dir erste Waschmaschine hatte schon
einen Klick von sich gegeben und die feuchte Wäsche war schon fast
in der Reisetasche verstaut. Da erinnerte er sich an die Sache mit
dem Wasser auf dem Stuhl und er musste schmunzeln als im ein Gedanke
kam.
Es war bereits Mittag und er war dabei
das zweite Magazin zu lesen. Der Vorwurf der Zeitverschwendung
schwebte schon seit einer Weile über ihm, was ihn jedoch wenig
beeindruckte. Je länger er hier saß, desto schlüssiger wurde auch
seine Argumentation. Zuerst einmal kann er mit seiner Zeit anfangen
was er will, dann hatte er die Magazine ja nicht umsonst gekauft und
das bisherige Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen. Ca. ein
fünftel des Glases war schon mit Wasser gefüllt und das war eine
Erkenntnis. Eine Erkenntnis, deren Wert sich sicherlich anzweifeln
ließ, aber es ging hier auch ein Stück weit darum, etwas zu tun,
was sich jeder Ernsthaftigkeit verweigert und damit wird dann auch
jede Erklärung überflüssig.
Wie er also dort saß und seine innere
Diskussion für sich entscheiden konnte, war es wieder so weit. Er
stand von dem Stuhl auf, nahm einen besonders feinen Schwamm und
tupfte das Wasser von der schwarzen Sitzfläche bis sie annähernd
trocken war. Den Schwamm drückte er dann über einem Glas aus und
mehr als nur ein paar Tropfen ließen den Pegel ein wenig steigen.
Auch wir als Betrachter, sollten uns
jegliche Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Beschäftigung
sparen. Zum Einen ist das Ereignis ohnehin schon passiert und wir
sind wie gesagt nur Beobachter und daher per Definition von jeder
Mitsprache ausgeschlossen. Zum Anderen ist das gesammelte Wasser
einer der zentralen Punkte der Geschichte und damit unerlässlich für
diese Erzählung. Damit meine Argumentation auch schlüssig wird,
erspare ich mir weitere Details und komme zu dem Moment an dem die
Geschichte eine Wendung erhält die lohnt passiert zu sein.
Er trinkt das Wasser. Das ist zufällig
und mit keinerlei experimentellem Willen geschehen. Das nur als
Anmerkung.
Was dann passiert verliert jedoch jeden
Charakter des Gewöhnlichen und kann kaum vernünftig geschildert
werden. Zu erst einmal passiert gar nichts. Er bemerkt seinen Irrtum,
schüttelt sich kurz
und stellt das Glas wieder an seinen
Platz. Da er das Wasser, nachweislich,nicht zu seinen
Körperflüssigkeiten zählt, nimmt er es mit Humor und verschwendet
keinen weiteren Gedanken daran. Ziemlich genau sechzig Minuten später
denkt er anders darüber.
Man stelle sich einen Sonntag
Nachmittag vor, der nichts zu bieten hat. Das Wetter nicht, das
Fernsehen nicht und man selber schon gar nicht. Dann wie aus heiterem
Himmel, fällt einem das Stück Torte ein, dass man noch im
Kühlschrank hat. Eine bloße Erinnerung die es schafft eine positive
Überraschung zu sein. So oder nicht annähernd so muss es sich
angefühlt haben, was ihm passiert ist. In Gedanken verloren war er
für den Moment einer Ewigkeit mitten in der Erinnerung eines
Traumes. Das es ein Traum war, erkannt er sofort. Es war einer dieser
Träume, die in ihren Fragmenten die der Morgen übrig hat, noch
genug Erlebtes tragen um damit mehrere Tage beschäftigt zu sein. Nur
waren es keine Fragmente die er hier erinnerte sondern ein ganzes,
bewegtes und vor allem gefühltes Bild. Von Zeit zu sprechen wird da
natürlich schwierig. So ein Traum kann ja ganze Dekaden für sich
beanspruchen und dauert doch nur den kurzen Teil einer Nacht. Die
Zeit die wir von außen zu messen haben, lag bei fünfzehn Minuten.
Das ist bitte nur als Randnotiz zu werten, da es mit der von ihm
erlebten Zeit nichts gemein hat. Er selber könnte da keine genaue
Auskunft erteilen. Was auch verständlich ist. Wer schaut schon auf
die Uhr wenn er einem Traum begegnet.
Von dem Traum an sich zu berichten,
wäre müßig. Es ist einer der ganz eigenen Sorte, der nicht durch
die üblichen Wünsche und Verlangen genährt wird. Es war einer der
sich von Phantasie und ganz tiefer Sehnsucht gewachsen, einen Platz
im unteren Bewussten gesucht hat und irgendwann an die Oberfläche
kam um seine Pflicht zu tun. Warum gerade dieser Traum der erste war,
der sich durch das Wasser erleben ließ, ist auch eine Frage, die es
nicht zu beantworten bedarf. Macht es doch einfach keinen Sinn die
Antwort zu kennen und würde zu viel Mühe kosten und vom
eigentlichen Ablenken.
Er saß also nun da, weniger verwirrt
als er sich zugetraut hätte und wusste nicht ob er sich Sorgen
machen sollte. Er wusste wo er war, er wusste wer er war und er
wusste wo er gerade noch gewesen ist. Ihm war klar, dass er gerade
seinen Traum erlebt hatte und war verblüfft von der Nachhaltigkeit
seiner Erinnerungen und der Klarheit mit der er diese trug.
Er zog sich an und machte einen
Spaziergang durch die Kälte. Andere Luft würde ihm helfen sich zu
sortieren. Auch wenn er ziemlich ruhig war, wollte er nicht so tun
als wäre es normal, was ihm passiert ist. Solche Dinge für normal
zu halten wäre ein Grund zur Sorge dachte er und ging in Richtung
Wald.
Schimmelpilze, Schimmelpilze in der
Wohnung, in der Luft und damit im Wasser, was er gesammelt hatte. Das
war eine Erklärung die in der kürze der Zeit durchaus für stimmig
gehalten werden konnte. Er hatte sich also mit einem Schimmelpilz
vergiftet und war damit auf eine Vergiftung hereingefallen. Die ganz
natürliche Erinnerung an Träume, wäre ihm zwar lieber gewesen,
doch das sollte eben nicht sein. Obwohl natürlich in diesem Moment
ein Begriff war, der sich auch nur für ihn und zu seinem Gefallen in
die Argumentation geschlichen hatte. Schimmelpilze wären ja immer
noch natürlicher als jedes klare Wasser, mit solchen Wirkungen.
Wie er eben so war, ließ ihm das Ganze
noch keine Ruhe. Wenn es auch nur die geringste Möglichkeit gebe,
hier einen Punkt zu finden, an dem jede Erklärung scheitert, dann
gilt es zu suchen. Von dem Wasser war ja noch etwas übrig und damit
hieß es jetzt nach allem Möglichen vorzugehen und Beweise zu
sammeln. So wäre es in der modernen Wissenschaft gewünscht und
betrieben. Nur fehlte es ihm in beinahe jedem Belang an moderner
Wissenschaft und so musste er sich auf eine Variante besinnen die
wohl eher im Altertum Anwendung gefunden hat. Wenn wir nicht wissen,
ob etwas da ist, dann vernichten wir es um zu sehen ob es überhaupt
da war. Wenn er das übrige Wasser kocht und damit den vermeintlichen
Schimmelpilz zu töten, das Wasser, jedoch seine Wirkung nicht
verliert, dann war es nicht der Schimmelpilz. Dann war es etwas
Anderes und damit genug fehlende Erklärung um spannend zu bleiben.
Wasser abkochen ist langweilig und wird
nicht besser, wenn man dabei zuschauen muss. Es sollte ja keine
Ablenkung oder ein Moment des geistigen Abtriebs dafür sorgen, dass
der Rest von dem Wasser sich zurück in die Umgebung verdampft. Er
wollte ja so schnell wie möglich zu einem Ergebnis und damit auch
wieder in den Genuss dieser sonderbaren Wirkung kommen. Es war zwar
kein Verlangen, dass ihn trieb, aber eine gewisse Lust und vor allem
Neugier ließen sich nicht leugnen. Als das Wasser abgekocht war,
ließ er es eine Weile abkühlen. Nicht weil es unbedingt nötig
gewesen wäre. Es galt einfach den Beweis zu führen, dass er sich
noch unter seiner Kontrolle befand und nicht gezwungen war jetzt
schon wieder einen Schluck zu nehmen.
Wahrscheinlich wäre es zu Vorbeugung
einer Suchtgefahr viel zu früh gewesen, es fühlte sich aber richtig
an und hat damit auch seine Gültigkeit.
Gegen Nachmittag war es dann soweit und
er entschied sich für den abschließenden Test. Er nahm das Glas mit
dem Wasser und trank was übrig war, in einem Zug aus.
Enttäuschung macht sich breit, da sich
keine Wirkung einstellen wollte. Ihm war einfach nicht klar, dass er
noch eine Stunde zu warten hatte, bis er wieder in eine Erinnerung
verfallen würde. Nach ca. 59 Minuten wurde ihm sein Irrtum klar.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen