Mittwoch, 20. Mai 2015

Das mit dem Wasser

Teil 4

Er füllte sich seltsam erholt und leicht, als er aus dem Bett stieg. Ein wenig enttäuscht wollte er schon sein, nur stellte sich das nicht so richtig ein. Es war eher das Wissen um eine nicht erfüllte Erwartung, das jedoch ohne das dazugehörige Gefühl auskommen musste. Schon als er unter der Dusche stand, hatte er ganz andere Gedanken und beschloss einen Spaziergang zu machen. Einfach ein wenig durch die Gegend laufen und sehen was der Tag bringt.
Das Wetter war schön. Der Schnee lag noch frisch geschneit auf allem als würde er einfach da hin gehören. Der Himmel war blau und die Hälfte der Menschen war nackt. Jetzt viel ihm auch auf, dass er den Anzug aus seiner letzten Traumreise trug und den Helm unter dem Arm geklemmt hatte.
Auch jetzt regte sich in seinem Inneren nichts, was einer angemessenen Emotion gleichkam. Er war immer noch gut gelaunt, wie schon die ganze Zeit und machte sich einfach keine Sorgen. Man könnte jetzt meinen, er stand unter dem Einfluss irgendwelcher Drogen, die ihm einfach ganz viel Egal beibrachten und damit eine angemessene Reaktion unterdrückten. Dem war nicht so. Viel mehr war es eine Klarheit, die dafür sorgte, dass sich für alles klärte und er zu seinen Schlüssen.
Zum einen Schlief er noch. Also sein physisches Ich. Zum anderen war sein psychisches Ich wach und spazierte hier durch ein Traumland. Auch wenn dieser Begriff wohl eher in die Kinderecke gehörte, wollte sich ihm keine andere Bezeichnung eröffnen. Genauer beschrieben, war es wohl eher eine Ebene auf der sich Leute bewegen, während sie träumten. Das erklärte auch, warum die nackten Träumer nicht beschämt nach Deckung oder Kleidung suchten, sondern sich ganz gelassen durch die Nachbarschaft bewegten. Warum diese Ebene wie sein zu hause aussah? Wie viele solcher Ebenen es gibt und ob jeder der hier anwesenden genauso wahrnimmt wie er? Das konnte er sich nicht so einfach erklären. Ein wenig überraschend war es schon, dass er hier auf andere reale Personen traf und nicht etwa Kreationen seines Unterbewusstseins, wie es in einem Traum üblich war. Natürlich war er nicht wirklich überrascht, sondern nur bewusst über die Notwendigkeit der Reaktion.
Er setzte sich den Helm auf und machte wozu er hier raus gekommen war. Er ging spazieren. Erst ein wenig durch die Straßen, dann durch den Park und als er in Richtung Innenstadt kam, begann er zu fliegen. Erst schwebte er ein noch wenig unbeholfen über dem Weg. Es brauchte aber nicht lange, bis er zielstrebig in Richtung Kirchturm flog und einige Runden um das Stadtzentrum drehte. Autos fuhren so gut wie keine und die er sehen konnte, reichten kaum aus um als Verkehr bezeichnet zu werden. Alles in allem, herrschte eine friedliche Stille die ein Gefühl von Ruhe ausstrahlte die schwer zu beschreiben war. Ihm viel jetzt auf, dass das auch das einzige war, was er überhaupt fühlte. Hätte er es beschreiben sollen, hätte schlafen wohl eine große Rolle gespielt. Obwohl er handeln und denken konnte, war es doch als würde eine Leichtigkeit über allem liegen. Diese Leichtigkeit sorgte auch dafür, dass er sich nicht weiter mit dieser Frage beschäftigen wollte und zurück zu seiner Wohnung flog. Er war gespannt wie die Kekse hier schmecken und ob sie morgen verschwunden sein würden. Dazu kam es aber nicht mehr. In seiner Wohnung angekommen, überfiel ihn eine Schwere die ihn sich kurz hinlegen ließ. Nur fünf Minuten die Augen zu machen und dann kann es gleich weiter gehen. Höchstens zehn oder zwanzig Minuten das reicht schon. Nicht mehr als eine halbe Stunde.
Er fand es ein wenig gemein, als er merkte, dass er seinen blauen Anzug nicht mehr trug. Das mit den Keksen wollte er schon noch wissen. Trotzdem war er auch froh. Eigentlich hatte er Höhenangst und wenn er jetzt nur daran dachte, dass er einfach so da durch die Gegend schwebte, wurde ihm ganz anders.
Ein Blick aus dem Fenster machte klar, dass es noch dunkel war und der schneelose Winter unter den Laternen nicht viel mit dem gemein hatte, was er gerade erlebte. Ein Blick auf die Uhr ließ ihn spüre, wie wenig er eigentlich geschlafen hatte. Das ausgeschlafene Gefühl von gerade eben, verblasste augenblicklich und schlief bis zum Morgen weiter. Er träumte auch irgendwas nur war davon am nächsten Tag nicht mehr viel übrig, so wie es sich gehörte.

Den Tag verbrachte er mit sich und der Zeit die er nicht so recht vertreiben konnte. Etwas sinnvolles viel ihm nicht ein und das Programm zwischen den Feiertagen, war eher dazu gedacht zu zeigen, wie lange eine Minute vergehen kann. Er fühlte sich ein wenig in seine Kindheit zurück versetzt. Wenn im Fernsehen Tennis lief und er es einfach nicht schaffte sich dafür zu begeistern oder den Sport zu verstehen. Da gab es Momente, in denen hätte er schwören können die Uhr bewegt sich in die falsche Richtung. Auch wenn er versuchte sich anderweitig zu beschäftigen, wollte das einfach nicht gelingen. An diesen Tagen, war dann alles von einer Langweile erfüllt die man einfach nicht loswerden konnte. Die Spielzeuge waren einfach nur leblose Plastikgebilde ohne jeglichen Nutzen. Alle Bücher im Schrank hatten ihre Spannung verloren und eigentlich nur noch die Sammlung von Buchstaben. Und das Wetter konnte sein wie es wollte. Es war nicht geeignet zum draußen spielen.
Er überlegte, ob er eventuell auf einem Entzug sein konnte. Wer seine Träume so intensiv erlebt, dem wird die Fähigkeit genommen sich zu unterhalten, wenn er wach ist. Ganz so, als wäre die Fähigkeit zum Spaß haben über Nacht verbraucht worden und könnte erst wieder mit ganz normalem Schlaf aufgefüllt werden. Vielleicht war der Schlaf dazu gemacht, unsere Möglichkeiten der Empfindungen wieder herzustellen. Ein emotionaler Ausgleich, der dafür sorgt, dass wir gut durch den Tag kommen.
Er musste ein wenig über seine Theorie lachen und widerlegte sie damit auch gleich wieder. Ihm war wohl doch einfach nur langweilig und damit musste er jetzt einfach leben.
Ein Spaziergang würde das ändern können dachte er und machte sich auf den Weg.
Dass er ausgerechnet einen Spaziergang gegen die Langweile machte würde sein jüngeres Ich nicht glauben wollen. Noch weit vor Tennis im Fernsehen, war spazieren gehen, die langweiligste und nutzloseste Beschäftigung von allen Beschäftigungen die es gab. Wobei immer auch zwischen Beschäftigungen und Spielen unterschieden wurde. Beschäftigungen waren Dinge die man tut, weil Erwachsene es so wollen. Beschäftigungen macht man nicht freiwillig und Sinn machen sie schon gar nicht. Und durch die Gegen laufen, in der man wohnt um Dinge zu sehen die man eigentlich immer sieht, war wohl die Beschäftigung mit dem wenigsten Sinn die er sich vorstellen konnte. Schon das Wort war ihm ein Gräuel. Wenn seine Mutter ihn zum spazieren gehen zwang und ihn mit einem Eis locken wollte, dass man unterwegs essen konnte, dann verzichtete er lieber auf das Eis um die Zeit zu verkürzen die man vergeudete. Er würde sich wohl verraten fühlen, wenn er sich jetzt sehen könnte. Ganz alleine und ohne Zwang durch die Gegend laufen und nicht mal ein Taschenmesser dabei.

Auf seinem Spaziergang dachte er darüber nach, wie seltsam das Ganze eigentlich war und wie ruhig er damit umging. Was eigentlich auch sehr seltsam war. Es erinnerte ihn an einen Horrorfilm aus den Achtzigern in dem übernatürliche Dinge passieren, sich aber keiner Sorgen deswegen macht. Erst als das jüngste Kinder der Familie in der Fernseher gesaugt wird, ist die Panik groß.
Er überlegte wenn man in solchen Fällen anrufen könnte. Fand aber niemanden, der einen nicht in eine Zwangsjacke bringen würde. Er wollte die Angelegenheit vorerst einfach für sich behalten und schauen wo es ihn hinbringen würde.

Als er zu hause ankam, war es schon wieder dunkel und hatte angefangen zu schneien. Er machte sich einen Tee und guckte sich ein paar Folgen einer Serie an bei der sich Überlebende eines Flugzeugabsturzes auf einer Insel über alles Mögliche stritten und von einer Rauchwolke gefressen wurden. Irgendwann nahm trank er etwas von dem Wasser und ging ins Bett. Er freute sich schon auf seinen nächsten Tripp in das Traumland und fragte sich, ob er auf die Rothaarige treffen würde, die er immer beim Laufen sah.

Er machte die Augen auf und wusste sofort wo er war. Das Licht war hier einfach ein anderes. Es war ihm vorher noch nicht aufgefallen, aber hier wurde man nicht geblendet. Er konnte nach oben in den Himmel sehen und musste die Augen nicht zusammen kneifen. Der Himmel hatte eine schöne blaue Farbe, wie im Frühling. Nur fehlte eine Lichtquelle und Schatten gab es damit auch keine. Als er vor die Tür ging, trug er einen bunt gemusterten Schlafanzug und einen Morgenmantel. Manchmal konnte ihn sein eigener Humor doch noch überraschen. Ein kurzer Blick in die Umgebung machte klar, dass die Rothaarige nicht hier war und er war froh darüber, sonst hätte er womöglich den Respekt vor sich verlieren können.
Er schwebte ein wenig nach oben und machte sich langsam auf den Weg in Richtung Fluss. Ganz knapp über der Wasseroberfläche fliegen und das Wasser hinter sich aufspritzen lassen. Eine gute Idee wie er fand. Es war nicht weit bis zum Fluss und er stieg auf dem Weg dorthin immer ein höher auf. Als er über dem Fluss war, blieb er kurz in der Luft stehen und setze dann zum Sturzflug an. Kurz vor der Wasseroberfläche stieß er noch vorne, wurde von etwas gepackt und nach unten gezogen. Erschrecken konnte er sich nicht, aber das Angenehme was diesen Ort erfüllte war auch nicht mehr zu spüren.

„Geh weg.“

Er wusste wer das zu ihm gesagt hat. Er kannte ihn flüchtig und war ihm auch schon oft begegnet.
Mit dem Gefühl Angst hatte er ihn nie in einen Zusammenhang gebracht. Trotzdem, bevor er sich wieder schlafen legte, um einige lange Stunden wach zu liegen, machte er alles fertig um so schnell wie möglich hier auszuziehen. Er würde nicht warten bis er in einen Fernseher gesogen wird. Er würde das andere Ende des Films wählen, in dem sich die Familie gleich logisch verhält und verschwindet, weil man einfach nicht in einem Haus bleibt, in dem es spukt.

Schon wenige Wochen nach seinem Umzug war die ganze Geschichte nicht mehr als eine Erinnerung die ohne weitere Emotionen mit einem Kopfschütteln zur Seite geschoben wurde. Sicher könnte man sich jetzt noch mit einem Warum und wie geht es weiter beschäftigen, nur ist das eben nicht Teil dieser Geschichte und muss an anderer Stelle geklärt werden. Dazu bedarf es dann wohl auch mehr Raum und vor allem Zeit. Bis dahin, wollen wir nicht zu sehr überlegen was hier passiert ist und hoffen einfach auf das Beste.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen