Teil 4
Er füllte sich seltsam
erholt und leicht, als er aus dem Bett stieg. Ein wenig enttäuscht
wollte er schon sein, nur stellte sich das nicht so richtig ein. Es
war eher das Wissen um eine nicht erfüllte Erwartung, das jedoch
ohne das dazugehörige Gefühl auskommen musste. Schon als er unter
der Dusche stand, hatte er ganz andere Gedanken und beschloss einen
Spaziergang zu machen. Einfach ein wenig durch die Gegend laufen und
sehen was der Tag bringt.
Das Wetter war schön. Der
Schnee lag noch frisch geschneit auf allem als würde er einfach da
hin gehören. Der Himmel war blau und die Hälfte der Menschen war
nackt. Jetzt viel ihm auch auf, dass er den Anzug aus seiner letzten
Traumreise trug und den Helm unter dem Arm geklemmt hatte.
Auch jetzt regte sich in
seinem Inneren nichts, was einer angemessenen Emotion gleichkam. Er
war immer noch gut gelaunt, wie schon die ganze Zeit und machte sich
einfach keine Sorgen. Man könnte jetzt meinen, er stand unter dem
Einfluss irgendwelcher Drogen, die ihm einfach ganz viel Egal
beibrachten und damit eine angemessene Reaktion unterdrückten. Dem
war nicht so. Viel mehr war es eine Klarheit, die dafür sorgte, dass
sich für alles klärte und er zu seinen Schlüssen.
Zum einen Schlief er noch.
Also sein physisches Ich. Zum anderen war sein psychisches Ich wach
und spazierte hier durch ein Traumland. Auch wenn dieser Begriff wohl
eher in die Kinderecke gehörte, wollte sich ihm keine andere
Bezeichnung eröffnen. Genauer beschrieben, war es wohl eher eine
Ebene auf der sich Leute bewegen, während sie träumten. Das
erklärte auch, warum die nackten Träumer nicht beschämt nach
Deckung oder Kleidung suchten, sondern sich ganz gelassen durch die
Nachbarschaft bewegten. Warum diese Ebene wie sein zu hause aussah?
Wie viele solcher Ebenen es gibt und ob jeder der hier anwesenden
genauso wahrnimmt wie er? Das konnte er sich nicht so einfach
erklären. Ein wenig überraschend war es schon, dass er hier auf
andere reale Personen traf und nicht etwa Kreationen seines
Unterbewusstseins, wie es in einem Traum üblich war. Natürlich war
er nicht wirklich überrascht, sondern nur bewusst über die
Notwendigkeit der Reaktion.
Er setzte sich den Helm auf
und machte wozu er hier raus gekommen war. Er ging spazieren. Erst
ein wenig durch die Straßen, dann durch den Park und als er in
Richtung Innenstadt kam, begann er zu fliegen. Erst schwebte er ein
noch wenig unbeholfen über dem Weg. Es brauchte aber nicht lange,
bis er zielstrebig in Richtung Kirchturm flog und einige Runden um
das Stadtzentrum drehte. Autos fuhren so gut wie keine und die er
sehen konnte, reichten kaum aus um als Verkehr bezeichnet zu werden.
Alles in allem, herrschte eine friedliche Stille die ein Gefühl von
Ruhe ausstrahlte die schwer zu beschreiben war. Ihm viel jetzt auf,
dass das auch das einzige war, was er überhaupt fühlte. Hätte er
es beschreiben sollen, hätte schlafen wohl eine große Rolle
gespielt. Obwohl er handeln und denken konnte, war es doch als würde
eine Leichtigkeit über allem liegen. Diese Leichtigkeit sorgte auch
dafür, dass er sich nicht weiter mit dieser Frage beschäftigen
wollte und zurück zu seiner Wohnung flog. Er war gespannt wie die
Kekse hier schmecken und ob sie morgen verschwunden sein würden.
Dazu kam es aber nicht mehr. In seiner Wohnung angekommen, überfiel
ihn eine Schwere die ihn sich kurz hinlegen ließ. Nur fünf Minuten
die Augen zu machen und dann kann es gleich weiter gehen. Höchstens
zehn oder zwanzig Minuten das reicht schon. Nicht mehr als eine halbe
Stunde.
Er fand es ein wenig gemein,
als er merkte, dass er seinen blauen Anzug nicht mehr trug. Das mit
den Keksen wollte er schon noch wissen. Trotzdem war er auch froh.
Eigentlich hatte er Höhenangst und wenn er jetzt nur daran dachte,
dass er einfach so da durch die Gegend schwebte, wurde ihm ganz
anders.
Ein Blick aus dem Fenster
machte klar, dass es noch dunkel war und der schneelose Winter unter
den Laternen nicht viel mit dem gemein hatte, was er gerade erlebte.
Ein Blick auf die Uhr ließ ihn spüre, wie wenig er eigentlich
geschlafen hatte. Das ausgeschlafene Gefühl von gerade eben,
verblasste augenblicklich und schlief bis zum Morgen weiter. Er
träumte auch irgendwas nur war davon am nächsten Tag nicht mehr
viel übrig, so wie es sich gehörte.
Den Tag verbrachte er mit
sich und der Zeit die er nicht so recht vertreiben konnte. Etwas
sinnvolles viel ihm nicht ein und das Programm zwischen den
Feiertagen, war eher dazu gedacht zu zeigen, wie lange eine Minute
vergehen kann. Er fühlte sich ein wenig in seine Kindheit zurück
versetzt. Wenn im Fernsehen Tennis lief und er es einfach nicht
schaffte sich dafür zu begeistern oder den Sport zu verstehen. Da
gab es Momente, in denen hätte er schwören können die Uhr bewegt
sich in die falsche Richtung. Auch wenn er versuchte sich anderweitig
zu beschäftigen, wollte das einfach nicht gelingen. An diesen Tagen,
war dann alles von einer Langweile erfüllt die man einfach nicht
loswerden konnte. Die Spielzeuge waren einfach nur leblose
Plastikgebilde ohne jeglichen Nutzen. Alle Bücher im Schrank hatten
ihre Spannung verloren und eigentlich nur noch die Sammlung von
Buchstaben. Und das Wetter konnte sein wie es wollte. Es war nicht
geeignet zum draußen spielen.
Er überlegte, ob er
eventuell auf einem Entzug sein konnte. Wer seine Träume so intensiv
erlebt, dem wird die Fähigkeit genommen sich zu unterhalten, wenn er
wach ist. Ganz so, als wäre die Fähigkeit zum Spaß haben über
Nacht verbraucht worden und könnte erst wieder mit ganz normalem
Schlaf aufgefüllt werden. Vielleicht war der Schlaf dazu gemacht,
unsere Möglichkeiten der Empfindungen wieder herzustellen. Ein
emotionaler Ausgleich, der dafür sorgt, dass wir gut durch den Tag
kommen.
Er musste ein wenig über
seine Theorie lachen und widerlegte sie damit auch gleich wieder. Ihm
war wohl doch einfach nur langweilig und damit musste er jetzt
einfach leben.
Ein Spaziergang würde das
ändern können dachte er und machte sich auf den Weg.
Dass er ausgerechnet einen
Spaziergang gegen die Langweile machte würde sein jüngeres Ich
nicht glauben wollen. Noch weit vor Tennis im Fernsehen, war
spazieren gehen, die langweiligste und nutzloseste Beschäftigung von
allen Beschäftigungen die es gab. Wobei immer auch zwischen
Beschäftigungen und Spielen unterschieden wurde. Beschäftigungen
waren Dinge die man tut, weil Erwachsene es so wollen.
Beschäftigungen macht man nicht freiwillig und Sinn machen sie schon
gar nicht. Und durch die Gegen laufen, in der man wohnt um Dinge zu
sehen die man eigentlich immer sieht, war wohl die Beschäftigung mit
dem wenigsten Sinn die er sich vorstellen konnte. Schon das Wort war
ihm ein Gräuel. Wenn seine Mutter ihn zum spazieren gehen zwang und
ihn mit einem Eis locken wollte, dass man unterwegs essen konnte,
dann verzichtete er lieber auf das Eis um die Zeit zu verkürzen die
man vergeudete. Er würde sich wohl verraten fühlen, wenn er sich
jetzt sehen könnte. Ganz alleine und ohne Zwang durch die Gegend
laufen und nicht mal ein Taschenmesser dabei.
Auf seinem Spaziergang
dachte er darüber nach, wie seltsam das Ganze eigentlich war und wie
ruhig er damit umging. Was eigentlich auch sehr seltsam war. Es
erinnerte ihn an einen Horrorfilm aus den Achtzigern in dem
übernatürliche Dinge passieren, sich aber keiner Sorgen deswegen
macht. Erst als das jüngste Kinder der Familie in der Fernseher
gesaugt wird, ist die Panik groß.
Er überlegte wenn man in
solchen Fällen anrufen könnte. Fand aber niemanden, der einen nicht
in eine Zwangsjacke bringen würde. Er wollte die Angelegenheit
vorerst einfach für sich behalten und schauen wo es ihn hinbringen
würde.
Als er zu hause ankam, war
es schon wieder dunkel und hatte angefangen zu schneien. Er machte
sich einen Tee und guckte sich ein paar Folgen einer Serie an bei der
sich Überlebende eines Flugzeugabsturzes auf einer Insel über alles
Mögliche stritten und von einer Rauchwolke gefressen wurden.
Irgendwann nahm trank er etwas von dem Wasser und ging ins Bett. Er
freute sich schon auf seinen nächsten Tripp in das Traumland und
fragte sich, ob er auf die Rothaarige treffen würde, die er immer
beim Laufen sah.
Er machte die Augen auf und
wusste sofort wo er war. Das Licht war hier einfach ein anderes. Es
war ihm vorher noch nicht aufgefallen, aber hier wurde man nicht
geblendet. Er konnte nach oben in den Himmel sehen und musste die
Augen nicht zusammen kneifen. Der Himmel hatte eine schöne blaue
Farbe, wie im Frühling. Nur fehlte eine Lichtquelle und Schatten gab
es damit auch keine. Als er vor die Tür ging, trug er einen bunt
gemusterten Schlafanzug und einen Morgenmantel. Manchmal konnte ihn
sein eigener Humor doch noch überraschen. Ein kurzer Blick in die
Umgebung machte klar, dass die Rothaarige nicht hier war und er war
froh darüber, sonst hätte er womöglich den Respekt vor sich
verlieren können.
Er schwebte ein wenig nach
oben und machte sich langsam auf den Weg in Richtung Fluss. Ganz
knapp über der Wasseroberfläche fliegen und das Wasser hinter sich
aufspritzen lassen. Eine gute Idee wie er fand. Es war nicht weit bis
zum Fluss und er stieg auf dem Weg dorthin immer ein höher auf. Als
er über dem Fluss war, blieb er kurz in der Luft stehen und setze
dann zum Sturzflug an. Kurz vor der Wasseroberfläche stieß er noch
vorne, wurde von etwas gepackt und nach unten gezogen. Erschrecken
konnte er sich nicht, aber das Angenehme was diesen Ort erfüllte war
auch nicht mehr zu spüren.
„Geh weg.“
Er wusste wer das zu ihm
gesagt hat. Er kannte ihn flüchtig und war ihm auch schon oft
begegnet.
Mit dem Gefühl Angst hatte
er ihn nie in einen Zusammenhang gebracht. Trotzdem, bevor er sich
wieder schlafen legte, um einige lange Stunden wach zu liegen, machte
er alles fertig um so schnell wie möglich hier auszuziehen. Er würde
nicht warten bis er in einen Fernseher gesogen wird. Er würde das
andere Ende des Films wählen, in dem sich die Familie gleich logisch
verhält und verschwindet, weil man einfach nicht in einem Haus
bleibt, in dem es spukt.
Schon wenige Wochen nach
seinem Umzug war die ganze Geschichte nicht mehr als eine Erinnerung
die ohne weitere Emotionen mit einem Kopfschütteln zur Seite
geschoben wurde. Sicher könnte man sich jetzt noch mit einem Warum
und wie geht es weiter beschäftigen, nur ist das eben nicht Teil
dieser Geschichte und muss an anderer Stelle geklärt werden. Dazu
bedarf es dann wohl auch mehr Raum und vor allem Zeit. Bis dahin,
wollen wir nicht zu sehr überlegen was hier passiert ist und hoffen
einfach auf das Beste.
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